Der Meister thront wie ein winziger tibetischer Mönch in seinem Sessel und löffelt ein Gelato. Kein leichtes Unterfangen: Die Hände zittern, vor allem die gute Linke, und mit der Geduld hatte er es noch nie. Unwirsch bugsiert Hans Werner Henze das Eis zurück auf den Tisch und stemmt seufzend den Spazierstock zwischen seine Knie. Silbern glänzt der Knauf in der Sonne.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nicht die Bohne.

Sommer 2006, wir sitzen auf der Terrasse des Henzeschen Guts bei Marino südlich von Rom, und es ist überirdisch schön. Die drei Windspiele – Dario, Aristeo und Belmonte – tollen ausgelassen durch den Park, ab und zu flattert tatsächlich ein Wiedehopf von Baum zu Baum. Dem Vogel hat Henze mit seiner 14. Oper L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe, einer morgenländischen Märchen-Traum-Zauber-Parabel, ein Denkmal gesetzt. Lässt man alle Turbane und Wasserpfeifen darin weg, handelt das Stück vom Künstlersein und von der Sehnsucht nach Brüderschaft, von den Masken, hinter denen das "furchtbar Autobiografische" Zuflucht sucht und findet. Die Opulenz dieser Masken, ihr Schillern, ihr verschwenderisches Melos vor allem haben Teile der Musikwelt Henze lange übel genommen. Neben Karlheinz Stockhausen gilt Hans Werner Henze als der bedeutendste deutsche Komponist der Gegenwart – und als derjenige, der am heftigsten geächtet wurde. "Singen, das ist die Manifestation des Lebens schlechthin", schreibt er 1996 in seiner Autobiografie Reiselieder mit böhmischen Quinten, und es klingt völlig unstrittig, als würden alle so denken. Dabei hat die musikalische Avantgarde des 20. Jahrhunderts sein unverbesserliches Arien-Singen-Wollen erst zum Schluss goutiert.

Das Gespräch in Marino gleicht eher dem Stanzen einzelner Sätze. Ein Kollaps wenige Monate zuvor hat den 80-Jährigen gezeichnet ("Der Sarg war schon bestellt"), die Parkinson-Erkrankung tut ein Übriges. Was er sagt aber, hat es in sich. Henze, 1926 in Gütersloh geboren, ist Westfale: querschädelig, stur, nicht leicht zu erheitern und, glaubt man seinen Vertrauten, extrem egomanisch. "I’ve got no chance, but it doesn’t matter", sagt Fausto Moroni damals, Lebensgefährte, Adoptivsohn und Henzes "byzantinisches Fürstenkind" seit über 40 Jahren. "He is always full of himself, he is a queen." Seine Augen streicheln Henzes papierne Gestalt, bevor er ihr den verlangten Strohhut aufsetzt.

Fausto stirbt 2007, mit 63 Jahren, und hinterlässt einen angeschlagenen "Kater Hinz". Der schreibt eine große Kantate, sein zweites Requiem, wenn man so will, und verbeugt sich auf seine Weise: Elogium Musicum amatissimi amici nunc remoti ("Lobgesang auf einen geliebten Freund, der nun weit entfernt ist").

Wo blieb die Musik, als Sie krank waren?

Die Musik war das Letzte, was mich interessiert hat. Ich hatte beinahe die ganze deutsche Sprache vergessen, was ist dagegen die Musik?

Von Henzes Arbeitszimmer grüßen zur Rechten die Hügel Roms und links das Meer, als sprichwörtlicher Silberstreif am Horizont. Auf dem Schreibtisch warten tadellos gespitzte Bleistifte, wie kleine Kadetten in Reih und Glied. 2006 liegt ein Blatt aus dem zweiten Akt seiner Konzertoper Phaedra zuoberst, in verhutzelter Schrift. Briefe kann er, der ebenso gut Schriftsteller hätte werden können, schon lange nicht mehr schreiben, nur die fünf Notenlinien halten seine Hand, wie er sagt, noch "an der Kandare".

Lange wurde er von vielen als "Orpheus der Apo" belächelt

Phaedra (nach Euripides und Racine) wurde 2007 an der Berliner Staatsoper uraufgeführt, und beim Schlussapplaus zeigte sich der Komponist in charakteristischer Pose, mit jener ihm eigenen Mischung aus Ehrfurcht und Grandezza ins Publikum grüßend, die alle sich erheben lässt: vor der buddhaesken, wie in Porzellan gegossenen Gestalt dort oben in der Königsloge – und vor einem Künstler, den man einst fortgejagt hatte wie einen räudigen Hund. Weil er sich zu seiner Homosexualität bekannte und weil er politisch sein wollte, weil er in die KPI eintrat, den verletzten Rudi Dutschke pflegte, in kubanischen Fabriken Kisten stemmte und sich "Ölflecke" auf seinen Partituren wünschte – von den MPs der Revolutionäre. Als er sein Oratorium Das Floß der Medusa Che Guevara widmet und bei der Uraufführung 1968 in Hamburg eine rote Fahne am Dirigentenpult flattert, kommt es zum Skandal. Die Olympia-Oper für München 1972 wird kassiert (nach Peter Weiss’ Anarcho-Drama Die Versicherung), der Komponist wird zum viel verlachten "Orpheus der Apo".

Wie politisch sind Sie heute?

Der Maestro nimmt einen Schluck apulischen Rosé, das findet er bei 35 Grad im Schatten "erfrischend". Auf gewisse Fragen reagiert er nicht.

Eigentlich hätte schon L’Upupa 2003 Henzes letztes Musiktheaterstück sein sollen, sein mozartisches Vermächtnis, dann aber reihte sich doch eins ans andere. Phaedra ist das schwereloseste dieser Spätwerke, geschrieben für fünf Sänger, vier Streicher, doppelte Bläserbesetzung, Harfe, Celesta, Klavier, Schlagwerk und Zuspielband, fabelhaft instrumentiert, mit einem Finale in magisch-silbriger Schwärze. Der antike Mythos von der Unmöglichkeit der Liebe und der Schönheit des Todes bedient sich hier, wie so oft bei Henze, einer sanften Zwölftönigkeit – was nicht heißt, dass es keinen apokalyptischen Aufruhr darin gäbe, keine Hysterie oder rasende Begierde. Es ist nur anders aufgehoben. Die Partitur ist die Essenz. Von allem.

Ich habe in meinem Leben furchtbare Sachen gemacht. Das kann man gar nicht erzählen.

Schade.

Ja, das ist ein bisschen schade.