Anfang dieser Woche zwang Hurrikan Sandy die New Yorker U-Bahn zum zweiten Mal seit ihrem Bestehen wetterbedingt zum Stillstand. 27 Jahre nach Hurrikan Gloria nötigte ein Sturm die Wall Street zur Pause. Es sind aufregende Zeiten für Hossam Abdelgawad.

An der Universität von Toronto erforscht der gebürtige Ägypter die optimale Evakuierung von Großstädten im Katastrophenfall. Hurrikan Sandy, sagt Abdelgawad, sei eine ganz besondere Herausforderung. Extreme Windgeschwindigkeiten, viel Wasser von oben und von unten, das alles will für eine rasche Evakuierung berücksichtigt sein. Wie immer bestünde das Hauptproblem in einer vernünftigen Planung, einer angemessenen Koordination der unterschiedlichen Behörden und Gemeinden. Bei Katrina 2005 in New Orleans habe das nicht geklappt. Da standen zwar massenhaft Busse für die Evakuierung bereit – aber die Parkplätze waren im Nu geflutet und die Busfahrer geflüchtet. Mit seiner Simulationssoftware möchte Hossam Abdelgawad solche Fehlplanung in Zukunft vermeiden. Vor zwei Jahren gewann der Verkehrsanalytiker auf dem Internationalen Verkehrsforum in Leipzig dafür den Jungforscherpreis.

Die wichtigste Botschaft des Preisträgers ist: Nur eine flexible Reaktion auf die Katastrophe ist eine gute Reaktion. Starre Notfallpläne brächten wenig und mitunter sogar Menschen in Gefahr. Und dann beschreibt er die eskalierende Dynamik einer Naturkatastrophe. Zuerst tritt Wasser über die Ufer, Straßen sind überschwemmt. Die Wassermassen fluten die Keller und U-Bahn-Schächte, alsbald sind wichtige Fluchtwege versperrt. "In Manhattan fallen jetzt vielleicht noch alle Ampeln aus, und es kommt zu Verkehrsunfällen", sagt Abdelgawad. Da ein Unfall schon in normalen Zeiten einen Stau von bis zu zehn Kilometer Länge verursachen könne und sich in der Katastrophe Unfälle häuften, sei der totale Verkehrskollaps die wahrscheinliche Folge.

Als Gegenmittel empfiehlt der Forscher sehr genaue Anweisungen, welche die Menschenmassen in die richtige Richtung lenken: Wann genau soll ich mein Haus verlassen, wohin soll ich gehen, und wie komme ich dorthin? Diese Informationen sollen die Evakuierungsplaner errechnen. Die Daten dazu erhalten sie von Kameras und Sensoren, die das Verkehrsaufkommen registrieren, aus Mitteilungen der Notunterkünfte und von Katastrophenhelfern.

Abdelgawads Optimierungssoftware variiert die Ansagen je nach Situation. Essenziell ist die Aktualität der Informationen. "Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die Leute vor einer Notunterkunft stehen, die schon seit Stunden geschlossen ist." Im Grunde ähnelt sein Evakuierungssystem einem idealen Navi im Auto. In Echtzeit berücksichtigt es die Psychologie der Verkehrsteilnehmer und den Zustand der Infrastruktur. Die Katastrophenhelfer können zudem verschiedene Szenarien durchspielen. In der Simulation ist es dem Ägypter bereits gelungen, zwei Millionen Einwohner aus Toronto zu evakuieren.