Giovanni di Lorenzo: Wenn Sie heute nach Wien kommen, dann sicher auch im Bewusstsein darüber, dass Österreich im europäischen Vergleich ein blühendes Land ist. Wissen das die Österreicher zu schätzen?

Gerhard Zeiler: Das Gefühl habe ich nicht. Österreich ist das Land mit der geringsten Arbeitslosenrate in Europa, mit einer der besten Wirtschaftsleistungen, einem gesunden sozialen Klima, und trotzdem ist die Unzufriedenheit so groß, dass selbst eine Große Koalition keine Mehrheit mehr hätte. Das lädt schon zum Nachdenken ein.

Di Lorenzo: Wenn es so ist, dass die Regierung einem Wirtschaftswachstum zumindest nicht im Wege steht, woran liegt es dann, dass so wenig Wertschätzung vorhanden ist?

Zeiler: Das ist von außen schwer zu beurteilen, aber es spielen mit Sicherheit einige Faktoren eine Rolle. Der eine ist, dass diejenigen, die an der Spitze stehen, ihre Arbeit womöglich nicht wirklich erklären. Der andere ist, dass die Österreicher wenig über die Grenzen schauen, wie es anderswo ist. Und zum Dritten geht es uns vielleicht so gut, dass man sich auch mit Nebensächlichkeiten aufhalten kann.

Di Lorenzo: Hat es denn gar nichts mit der Qualität der politischen Akteure zu tun?

Zeiler: Wie hat Peter Löscher einmal bei Ihnen geantwortet?

Di Lorenzo: Nachdem er gerade einen Korruptionsskandal bei Siemens überstanden hatte, fragte ich ihn, ob es denkbar ist, dass Bestechung am Vorstand vorbei praktiziert werden konnte. Daraufhin schwieg er eine Minute und lächelte.

Zeiler: Stellen Sie mir die Frage noch einmal.

Di Lorenzo: Haben Sie das Gefühl, dass die Qualität der jetzigen Regierung an die heranreicht, die Sie schon erlebt haben?

Zeiler:(schweigt und lächelt)

Di Lorenzo: In Deutschland ist die Regierung auch schlecht angesehen. Trotzdem haben wir eine Kanzlerin, die das ausgleicht. Haben Sie wenigstens eine Kanzlerfigur, die das herausreißt?

Zeiler: Wollen Sie eine Minute warten?

Di Lorenzo: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Österreich erst in diesem Jahrtausend ein Privatfernseh-Gesetz beschlossen hat?

Zeiler: Ja, man hat das Boot versäumt. Wir leben in einem Land, das an ein anderes Land grenzt, das zehnmal so groß ist und wo die gleiche Sprache gesprochen wird. Da hat eine Organisation wie der ORF eine ganz besondere Stellung, das können die Deutschen nicht nachvollziehen. Und weil dieser ORF so viel für Österreich getan hat, wurde sehr lange versucht, ihn über diese Privatfernsehdebatte drüberzuheben. Dann kam der Punkt, wo 70 Prozent der Haushalte bereits die ganze Palette deutscher Privatsender zur Verfügung hatte. Der Gesetzgeber muss sich letztlich entscheiden: Will er nach wie vor einen starken ORF? Oder will er das Privatfernsehen stärken, dann muss man den ORF entweder um die Hälfte reduzieren oder ihm die Werbung wegnehmen.

Di Lorenzo: Ist eine dieser Optionen realistisch?

Zeiler: Nein. Ich halte es auch nicht für wünschenswert, sage ich als Österreicher. Ich bin ein Anhänger des dualen Systems. Ich habe auch immer gesagt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur auf Politik und Kultur reduziert werden kann. Dann würden die Menschen irgendwann nicht mehr dafür zahlen wollen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt zum Teil seinen Auftrag. An der einen oder anderen Stelle würde es noch besser gehen – aber über welche Firma könnte man das nicht sagen.