Aber auch zwischen den großen Häusern fallen die Unterschiede auf. So melden einige Kliniken regelmäßig nur fünf, sechs Spender pro Jahr der DSO, andere wie das Klinikum Augsburg kommen auf mehr als das Doppelte. Gertraud Neeser war dort zwanzig Jahre lang für die Organspende zuständig. "Sie müssen immer wieder reden, bitten und erinnern", sagt die Ärztin. Und wenn es zu einer Organspende kommt, "ganz viel loben". Nur so halte man das Bewusstsein auf den Stationen wach, dass sich der Einsatz lohne.

Immer ansprechbar müsse ein Transplantationsbeauftragter sein, auch nach Dienst und am Wochenende. Morgens war Gertraud Neeser oft früher da, um zu fragen: "War was heute Nacht? Steuert da jemand auf den Hirntod zu?" Man muss von der Sache überzeugt sein, um immer wieder solche Fragen stellen zu können. Neeser war es, Pflegepersonal und Ärzte waren es nicht immer. Auch für eine Krankenpflegerin sei der Hirntod nicht einfach zu verstehen, sagt Neeser. Der Patient atmet und sieht oft noch rosig aus. Er scheint zu leben und ist doch tot. Und gleichzeitig darf er noch nicht endgültig sterben. Manchmal hat Neeser kurz die künstliche Beatmung unterbrochen, um zu zeigen, dass der Mensch nicht mehr von allein Luft holen kann.

Das Personal muss sich nicht nur selbst sicher sein, es muss auch andere von der Organspende überzeugen. "Wenn eine Schwester so ganz nebenbei sagt ›Ich würde das nicht machen‹, dann wird das Gespräch mit den Angehörigen schwierig", sagt Neeser. In Deutschland gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungsregelung. Ärzte dürfen einem hirntoten Patienten nur dann Organe entnehmen, wenn die Erlaubnis des Verstorbenen vorliegt. Da jedoch nicht einmal bei jedem zehnten potenziellen Organspender ein Spendeausweis zu finden ist, müssen die Hinterbliebenen entscheiden.

In den meisten Ländern Europas gilt eine andere Logik: Dort ist jeder ein potenzieller Organspender , außer er hat sich zu Lebzeiten ausdrücklich dagegen entschieden. Nun wird auch in Spanien vor einer Organentnahme die Einwilligung der Angehörigen eingeholt. Aber die Regelung verändert den Gesprächsverlauf. Sie legt die Frage fest – und damit die erwartete Antwort.

Das hat ein Team um den Stanford-Psychologen Lee Ross gezeigt. Sie versuchten, den Gegenwert festzulegen, den eine Zustimmung zur Organspende für Probanden in Deutschland und Österreich hat. Auch dort gilt die Widerspruchsregelung. Die deutschen Versuchspersonen verglichen die Bereitschaft zur Spende damit, zwanzig Prozent ihres Jahreseinkommens zu spenden. Den Österreichern dagegen war die Zustimmung nur zwei Prozent des Jahreseinkommens wert.

Die Forscher führten das auf die Fragestellung zurück. Bei der deutschen Zustimmungsregelung lautet die Frage, zugespitzt formuliert: "Wollen Sie ein sehr altruistischer Mensch sein und tugendhafte Dinge tun, die die meisten Ihrer Mitbürger nicht tun würden?" Die Österreicher beantworten dagegen diese implizite Frage: "Wollen Sie ein außergewöhnlicher Egoist sein, der anders als seine Mitbürger nicht seine Pflicht erfüllen will?" Das gleiche Muster gilt für das Gespräch mit den Hinterbliebenen. Für die Forscher ist es deshalb kein Wunder, dass sich deutsche Ärzte jedes zweite Mal von den Hinterbliebenen eine Absage einhandeln. In Österreich dagegen liegt die Zustimmungsquote bei rund neunzig Prozent.

Zu einer Widerspruchsregelung konnte sich der Bundestag jedoch nicht durchringen. Die Bürger sollen sich ohne jeden moralischen Druck für oder gegen die Organspende entscheiden, fand die Mehrheit der Abgeordneten und schrieb die Zustimmungsregelung auch im neuen Gesetz – ergänzt durch eine Befragung der Versicherten – fort. Insofern ändert sich wenig.

Immerhin stärkt die Regelung in einem zweiten Teil die Stellung der Transplantationsbeauftragten. Jedes Krankenhaus mit einer Intensivstation muss jetzt einen Arzt für diese Aufgabe ernennen. Wie diese Vorgabe jedoch umgesetzt wird – ob und in welchem Umfang die Mediziner für ihre Zusatzarbeit entlastet werden –, entscheidet jedes Bundesland für sich. Nicht alle Bundesländer würden mit Eifer an die Sache herangehen, kritisiert DSO-Chef Kirste und verweist auf die Vergangenheit. Acht von sechzehn Landesministerien haben noch nicht einmal das letzte Transplantationsgesetz in Landesrecht überführt. Es stammt aus dem Jahr 1997.

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