Die Wahlempfehlung an der Markise der Church in the Valley, einer kleinen reformierten Kirche in dem texanischen Dorf Leakey, sorgte für Wirbel. Da stand: "Stimmt für den Mormonen, nicht für den Muslim!" Das sollte heißen: Wählt Romney, nicht Obama! Und damit es auch jeder kapierte, stand da noch: "Wählt den Kapitalisten, nicht den Kommunisten!"

Dass Obama fälschlich als Muslim bezeichnet wird, regt in Amerika schon keinen mehr auf. Doch dass texanische Christen für einen Mormonen werben, ist neu. Denn bisher haben gerade konservative Protestanten die Mormonen strikt abgelehnt. Robert Jeffres zum Beispiel, prominenter Baptistenpfarrer aus Texas und Unterstützer von Rick Perry, dem einstigen Gegenkandidaten des Mormonen Mitt Romney, beschimpfte dessen Kirche als "Kult". Doch plötzlich scheint der Kult salonfähig. Und die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist eine Wahloption.

Das ist überraschend, denn die Ressentiments gegen Mormonen sind stark. Vor allem Evangelikale mögen sie nicht. Reverend Philip Roberts, der populäre Präsident eines theologischen Seminars der Southern Baptists in Kansas City, reist durch Amerika und predigt, dass die Mormonen Häretiker seien und keine Christen. Denn sie glauben nicht an die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist. Die mormonische Kirche ist nicht Mitglied im Weltkirchenrat, wo die protestantischen Denominationen vereint sind. Roberts, der das Buch Mormonism Unmasked schrieb, fürchtet, dass die Mormonen einen Wahlsieg Romneys nutzen könnten, um ihre Kirche zu legitimieren und Mitglieder zu werben.

Dass Protestanten alle Nichtprotestanten beargwöhnen, hat in Amerika Tradition: Große Furcht gab es auch, als der irisch-katholische John F. Kennedy Präsident wurde. Das könne, hieß es damals vor allem in den Südstaaten, ein Versuch des Papstes sein, Einfluss auf Amerika zu gewinnen. Heute jedoch haben sich die Katholiken ebenso wie die Juden, die in den USA noch bis in die sechziger Jahre diskriminiert wurden, politisch etabliert.

Zwar würden 15 bis 25 Prozent der Amerikaner auch weiterhin keinen Mormonen wählen. Aber das Team Romney arbeitet hart daran, das zu ändern. Dabei hilft ihnen, dass viele Republikaner Obama für einen arabischen, säkularen Muslim aus Kenia halten. Sechs Millionen Mormonen gibt es in Amerika, sie sind die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft. Gegründet wurde die uramerikanische Kirche im Jahr 1830 von Joseph Smith jr. aus New York, dem das heilige Buch Mormon von dem als Engel auferstandenen Propheten Moroni überreicht worden war. Mormonen glauben, dass einige Indianerstämme die verlorenen Stämme Israels sind und dass sie das Urchristentum repräsentieren.

Lange wurden sie verfolgt und vertrieben. Smith, der 1844 für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten kandidierte, wurde sogar gelyncht. Und doch ist es den Mormonen gelungen, in Amerika ein eigenes Zion zu schaffen, in Salt Lake City, mitten im Wilden Westen. Ein Vorfahre des Kandidaten Romney, Miles Romney, gehörte zu den Mormonen der Gründerzeit. Und Romneys Großvater musste, als die Regierung in Washington Truppen gegen die Mormonen entsandte, um die Polygamie zu unterbinden, mit seinen Frauen nach Mexiko flüchten. Dort wurde dann Mitts Vater George geboren. Auch Mitt Romney selbst erlebte noch Anfeindungen. Kurz nachdem er mit seiner Familie nach Belmont, Massachusetts, gezogen war, zündeten Brandstifter die dortige Kirche an.

Bisher war Romney, der es bis zum Laienbischof und Gemeindevorstand in Boston brachte, sehr zurückhaltend in Sachen Religion. Erst in den letzten Monaten wurde er offensiver: Er erzählte auf Parteitagen der Republikaner, wie sein Glaube ihn dazu gebracht habe, mit kranken Kindern zu beten oder Armen zu helfen, und dass er in Jerusalem auf den Spuren von Jesus gewandelt sei. Dabei verwendet er inzwischen auch das Wort "Mormone". Dass Romney als Bischof erzkonservativ war – er hat Frauen mit unehelichen Kindern gedrängt, diese zur Adoption freizugeben, und hält nichts von Frauen in kirchlichen Führungspositionen –, sollte ihm bei den Evangelikalen ebenso wenig schaden wie die Tatsache, dass die Mormonen bis 1978 keine schwarzen Priester zuließen.

Romney wäre der erste mormonische Präsident. Vielleicht ist das der Slogan der Stunde: "Stimmt für den Mormonen!" Doch die kleine Kirche in Leakey, Texas, könnte noch Schwierigkeiten bekommen. Denn in den USA dürfen Kirchen nicht explizit für einen politischen Kandidaten werben, sonst verlieren sie ihren steuerbefreiten Status.