Wenn Amerika entscheidet, ob Barack Obama Präsident bleibt oder nicht , wird Edith Childs wissen, ob sich der Kampf gelohnt hat. Die 64-jährige Gemeinderätin steht in einer Schulhalle in Greenwood, eine kleine, resolute Frau mit viel Energie und einem ansteckenden Lachen. Sie hebt ihre Arme und lässt sie wie eine Dirigentin kreisen: »Lauter, singt endlich lauter«, ruft Childs, fast fällt ihr die Baseballkappe mit dem Obama-Schriftzug vom Kopf. Doch die 40 Frauen und Männer vor ihr, allesamt Afroamerikaner, stimmen nur zaghaft ein. »Hey«, schimpft Childs, »wir müssen jetzt unsere Familien, unsere Freunde und Nachbarn wachrütteln und zur Wahl treiben.« Denn eines gelte es zu verhindern: dass am 6. November Amerikas erster schwarzer Präsident abgewählt wird. Das sitzt, beim fünften Anlauf rufen alle laut: »Fired up. Ready to go!« – Wir sind bereit. Jetzt geht es los!

Als Obama vor vier Jahren ins Amt gewählt wurde, war es ein historisches Ereignis: 145 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei und 45 Jahre nach der Einführung gleicher Bürgerrechte zog erstmals ein Afroamerikaner ins Weiße Haus ein. Der November wird zeigen, ob dies eine Episode oder eine Epoche in der amerikanischen Geschichte ist. Es wird eine sehr enge Wahl: In den Umfragen liegt der Republikaner Mitt Romney gleichauf. Die Meinungsforscher prophezeien Obama, sehr viele seiner weißen Wähler verloren zu haben. Wettmachen kann er das unter anderem nur, wenn die schwarzen Wähler, immerhin 13 Prozent der Bevölkerung, wieder so geschlossen für ihn stimmen wie 2008: Da waren 95 Prozent für ihn. Auch in Greenwood war es so.

Die kleine, entlegene Stadt am westlichen Rand von South Carolina machte Geschichte in Obamas letztem Wahlkampf. Drei von fünf Einwohnern sind schwarz; Obama kam hierher, weil er auf der Suche nach ihren Stimmen war. Viele von ihnen trauten ihm nicht. In ihren Augen vermied er aus Rücksicht auf seine weißen Wähler alles, was ihn als einen Vertreter afroamerikanischer Interessen hätte auszeichnen können. Ihre Favoritin war Hillary Clinton. Deren Mann, Ex-Präsident Bill Clinton, nannten viele wegen seines Engagements für Schwarze »Amerikas ersten schwarzen Präsidenten«. Nicht einmal 40 Leute kamen zu dem örtlichen Wahlkampftreffen mit Obama. »Fired up. Ready to go!«, sang plötzlich eine schwarze Frau. Sie wurde immer lauter, Aufbruchsstimmung kam auf, und nach und nach stimmten die anderen mit ein. Die Frau war Edith Childs, und ihr Schlachtruf wurde zur Losung der Obama-Kampagne. Bald skandierten ihn Hunderttausende überall in Amerika.

Für Childs ist Obama nicht nur ein Präsident, er ist ein Traum, der wahr wurde . Als sie aufwuchs, musste sie auf eine Schule für Schwarze gehen; im Park saß sie auf Bänken für Schwarze; im Bus musste sie aufstehen, wenn sich ein weißes Kind hinsetzen wollte. Anfang der siebziger zog sie durch die Südstaaten, um gegen den erbitterten Widerstand der Weißen schwarze Wähler zu registrieren. Vieles habe sich in den vergangenen fünfzig Jahren zum Guten geändert, sagt Childs. »Ich bin ohne Groll, wir haben einen weiten Weg zurückgelegt.« Doch nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie den Einzug eines schwarzen Präsidenten ins Weiße Haus erleben würde. »Das schien Weißen vorbehalten«, sagt sie. Nun will sie die historische Errungenschaft von 2008 verteidigen. »Das sind wir allen schuldig, die für die Gleichberechtigung gekämpft und ihr Leben gelassen haben«, sagt sie. »Das Weiße Haus, diese letzte Bastion der Macht, dürfen wir nicht nach vier Jahren schon wieder verlieren.« Die 40 Leute in der Schulhalle klatschen.

Childs fürchtet, dass Mitt Romney als Präsident jene Gesetze rückgängig machen könnte, die Schwarzen besonders helfen: die Gesundheitsreform zum Beispiel , die staatlichen Zuschüsse für Lebensmittelmarken und das zusätzliche Geld für öffentliche Schulen. Romney, sagt sie, zeige keine Empathie für die Schwachen. Dabei ist Obama kein Präsident der Schwarzen. Die Reformen, die für sie so wichtig waren, hat er sich nicht für sie überlegt. Bei öffentlichen Auftritten vermeidet er jede Anspielung auf die Rassenfrage. Niemand soll den Eindruck bekommen, er ergreife für sie Partei. Kaum ein anderer Präsident hat so wenig über die Armut und über Ungleichheit zwischen Weißen und Schwarzen geredet. Zu Veranstaltungen von schwarzen Bürgerrechtsorganisationen schickt er seine Frau Michelle oder Vizepräsident Joe Biden. »Obama hat seine treuesten Wähler verleugnet«, schrieb der schwarze Journalist Tavis Smiley, »Afroamerikaner haben in der Obama-Ära an Boden verloren.« Und in Washington schimpfte der schwarze demokratische Abgeordnete Emanuel Cleaver: »14 Prozent Arbeitslosigkeit unter Afroamerikanern – hätten wir einen weißen Präsidenten, würden wir jetzt alle vorm Weißen Haus demonstrieren!«

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern.© ZEIT-Grafik

Obama ist der Sohn einer Weißen und eines Kenianers, aufgewachsen ist er in Hawaii und Indonesien, zum großen Teil in der Obhut seiner weißen Großeltern. Erst spät begab er sich auf die Suche nach seiner schwarzen Identität. Als Senator hat er darüber ein Buch geschrieben, als Präsident hält er das Thema lieber privat. Im Oval Office hat Obama eine Büste des früheren britischen Premiers Winston Churchill durch eine des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King ersetzt. An der Wand hängt eine Originalkopie von Abraham Lincolns Sklavenbefreiungserlass. Auf dem Flur vor seinem Büro hängt ein Gemälde, das ein schwarzes Mädchen beim Schulbesuch unter Polizeischutz zeigt. Obama ist nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Schwarzen. Auch er sagt, der Marsch zur Gleichberechtigung sei noch nicht am Ziel. Doch er scheut es, sich in aktuelle Debatten über Rassismus einzumischen. Ein paar Mal hat er es versucht, fast immer ging es schief. Der Hass seiner Gegner, die immer noch behaupten, Obama sei kein wahrer Amerikaner, hat ihn vorsichtig werden lassen.

Natürlich gibt es viele schwarze Erfolgsgeschichten: Colin Powell und Condoleezza Rice wurden Außenminister, Spike Lee ein millionenschwerer Filmzar, und auch die schwarze Mittelklasse ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Aber der Gruppe der Afroamerikaner geht es nach wie vor schlecht, schlechter als den Weißen und den Latinos: Ihre Löhne schrumpfen stärker, ein knappes Drittel ist arm, 14 Prozent sind arbeitslos. Fast eine Million schwarzer Männer sitzt im Gefängnis, ihre Kinder wachsen ohne Väter auf. Im Vergleich mit Weißen sind mehr schwarze Jugendliche drogenabhängig, brechen vorzeitig die Schule ab oder werden als Minderjährige Eltern. Soziologen reden von einer verlorenen Generation.