Vergessen ist ein Unding: Michael Thalheimer inszeniert "Elektra" am Wiener Burgtheater

Um ein Drama von existenziellem Ausmaß zu erzählen, braucht es nicht viel Raum. Tod, Angst, Hass und Liebe, sie mögen von draußen herrühren – am Ende aber vollziehen sie sich drinnen: im Körper des Einzelnen.

In seiner Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Version des Tragödienstoffes Elektra hat Michael Thalheimer die Innerlichkeit ins Extrem gesteigert: Aus dem schwarzen, nah an die Publikumsreihen gerückten Bühnenbild von Olaf Altmann führt, einige Meter über dem Boden, ein schräg liegender Gang nach vorn. Nur in diesem Spalt können sich die Figuren zeigen. Sind sie zu zweit, müssen sie einander (ver-)drängen. Auf der ausladenden Bühne des Wiener Burgtheaters ist solche Raumverknappung geradezu obszön. Und ein Statement: Platz ist nur für das Wesentliche.

Diener, Pfleger und andere überflüssige Figuren tauchen gar nicht erst auf. Es bleiben nur Elektra, ihre Geschwister Chrysothemis und Orest, die Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Ägisth. Weil Letztere Elektras Vater Agamemnon meuchlings mordeten, ist der schmale Spalt aber vor allem bewohnt von: Leid. Zwar kann (und muss) das Blut der Mörder den erschlagenen Agamemnon sühnen, Erlösung aber gibt es für Elektra nur im Tod. Christiane von Poelnitz’ Elektra weiß, dass sie zugrunde gehen muss. Und so klammert sie sich fest an ihrem Schmerz – es ist das Einzige, was ihr vom Leben noch bleibt. Sie kostet ihn wollüstig aus, sie findet darin kein Maß und kein Ziel. Von Poelnitz’ Spiel ist eine erbarmungslose Tour de Force. Eine unwirklich blasse, verhärmte Frau, die der Welt ihre Verachtung mit dunkler Stimme entgegenschleudert – nur um wenig später wie ein gottverlassenes Kind zu wimmern.

Diese Elektra zittert ohne Unterlass, der Stoff ihres blauen Kleides verrät es. Ihr Körper wird von dem klaustrophobischen Raum bedrängt und deformiert, nur unter größter Anspannung kann sie sich darin bewegen. Hell strahlt neben dieser fürchterlichen Erscheinung Adina Vetters zauberhafte Chrysothemis. Selbst blutbesudelt noch ist sie reine Unschuld. Ihrer vibrierenden Lebendigkeit schleudert Elektra entgegen: "Vergessen? Bin ich ein Tier?"

Und doch ist sie es selbst, die in ihrer manischen Hingabe an die Erinnerung viehisch wird. Sie kann den engen Verhältnissen nicht entrinnen; und das meint nicht nur den Vatermord, den in seiner Abwesenheit so omnipräsenten Toten. Es meint auch die Ohnmacht gegenüber einer Übermutter: Wie eine gierige Spinne in ihrem Netz drückt Catrin Striebecks Klytämnestra die Tochter mit ihrer ausladenden schwarzen Robe zu Boden, brüllt sie nieder. Es ist diese unerhörte Grausamkeit, immer Fleisch und Blut ihrer Eltern zu sein, der Elektra nicht entrinnt. Das Vergessen des eigenen Ursprungs: ein Unding.

Nicht einmal achtzig Minuten dauert die konzise Aufführung, sie ist ein Grauen, eine einzige Zumutung. Thalheimer und sein Ensemble (als Rächer Orest und sein Opfer Ägisth Tilo Nest und Falk Rockstroh) schenken sich und dem Publikum nichts. Sie lassen keine Flucht in Ironie oder Relativismus zu. Ob ihr nun an Schicksal glaubt oder an den Zufall, sagen sie – es gibt Dinge, denen entkommt ihr nicht. Andrea Heinz