Jefferson, der sich auf Monticello zwischen 1768 und 1772 ein von Palladio inspiriertes herrschaftliches Wohnhaus gebaut hat, sucht auch nach architektonischen Anregungen. Zwar hat er für die sakrale Kunst, Deutschlands Kathedralen und Klosterkirchen, kein Auge. Aber die frühklassizistische Residenz des Trierer Kurfürsten in Koblenz gefällt ihm, und auch das Lustschloss des Landgrafen Wilhelm IX. von Hessen-Kassel bei Hanau erregt seine Aufmerksamkeit. Es liegt mitten im englischen Landschaftspark Wilhelmsbad und wurde in Gestalt eines verfallenen Burggemäuers erbaut.

In Heidelberg ist es dann eine ganz und gar authentische Ruine, die Jefferson begeistert. Das imposante Renaissanceschloss, das 1693 im Pfälzischen Erbfolgekrieg von den Franzosen weitgehend zerstört wurde, erscheint ihm als die »großartigste Ruine« seit der Antike. An eine englische Freundin – die Malerin Maria Cosway – schreibt er enthusiastisch, das Heidelberger Schloss sei sogar noch schöner als die Pyramiden von Ägypten, da es, eingerahmt von Fluss und Bergen, »majestätischer und besser eingekleidet« sei als die pharaonischen Riesengräber im Wüstensand.

Zuvor hat Jefferson in Düsseldorf die spektakuläre Kunstgalerie im alten Schloss am Rhein besichtigt – deren bedeutendste Bilder, von den Wittelsbachern nach München verschleppt, heute den Ruhm der Alten Pinakothek ausmachen. Für den Amerikaner steht diese Galerie den großen Gemäldesammlungen der Welt in nichts nach. Doch mehr als alle Werke von Rubens zieht ihn ein Ölbild des pfälzischen Hofmalers Adriaen van der Werff in seinen Bann. Es erzählt die Geschichte von Sarah und Hagar, einen hocherotischen Schwank aus dem Alten Testament: Abrahams Ehefrau Sarah, die sich für unfruchtbar hält, führt dem Gatten ihre blutjunge ägyptische Magd Hagar zu, auf dass Abraham endlich den Sohn zeugen möge, den sie selbst ihm nicht zu schenken vermag. Van der Werff sparte nicht am Karnat, und Jefferson schreibt verzückt an Maria Cosway: »Ich würde durchaus mit Abraham tauschen, auch wenn das zur Folge hätte, dass ich dann schon fünf- oder sechstausend Jahre tot wäre.« (Die wahre Pointe dieser Geschichte indes liegt in Jeffersons Biografie selbst: Denn wenig später begann er eine Affäre mit einer Magd seiner Frau, der jungen Sklavin Sally Hemings.)

Überrascht zeigt sich der bibelfeste Jefferson von der multireligiösen Vielfalt der deutschen Lande. Katholiken, Calvinisten und Lutheranern ist im Reich das Recht auf die freie Ausübung ihrer Religion garantiert, was den Virginier, der im heimatlichen Amerika zu den führenden Verfechtern der religiösen Toleranz zählt, vorbehaltlos freut. Ärgerlich bleibt nur, dass in jenen deutschen Staaten, in denen die Lutheraner die Oberhand haben, die beiden anderen Konfessionen genauso spürbar benachteiligt werden wie in den katholischen Ländern die Protestanten. Von einer Gleichstellung der Juden – hier wie dort – ganz zu schweigen.

Der Jurist und Politiker studiert den deutschen Föderalismus sehr genau. Er ist hin- und hergerissen. Einerseits sind im Reich wirklich ganz unterschiedliche Staaten zu einem großen Ganzen vereint, ohne ihre Eigenständigkeit deswegen aufgeben zu müssen. Kleinere Staaten wie Nassau existieren hier neben großen Flächenstaaten wie Österreich oder Brandenburg-Preußen, deren Territorien sich zum Teil weit über die Reichsgrenzen hinaus erstrecken. Manche dieser deutschen Gliedstaaten sind bestens verwaltet wie zum Beispiel Frankfurt am Main, eine von einem bürgerlichen Senat regierte, blühende Stadtrepublik, deren »Leben, Geräusch und Bewegung« Jefferson unwillkürlich an Philadelphia oder New York erinnern.

Andererseits gibt es im Reich aber auch die von absolutistischen Fürstlein, »kleinen Tyrannen«, malträtierten Duodezstaaten, in denen eine bedrückende Stille herrscht. In Hessen-Kassel, das unmittelbar an Frankfurt grenzt, sei es so ruhig wie auf dem Friedhof. Öffentlichkeit scheint nicht vorhanden. Hanaus Straßen wirken auf Jefferson »sauberer als ein deutscher Fußboden, da sie niemand betritt«. Die Herrschaft des Landgrafen Wilhelm, dessen Schlösser der Kenner aus Amerika durchaus zu schätzen weiß, liegt wie ein Alb über dem Land, die Untertanen leben apathisch vor sich hin. Nicht vergessen hat Jefferson auch, dass es Kassels Landgraf war, der dem britischen König im Unabhängigkeitskrieg viele Hessen als Soldaten verkaufte, die zu den meistgehassten Gegnern der amerikanischen Freiheitskämpfer wurden.

Einen der ehemaligen Feinde, den Freiherrn Friedrich Wilhelm von Geismar, trifft Jefferson in Frankfurt. Der Offizier war in Virginia in Gefangenschaft geraten und in Charlottesville einquartiert worden, wo er die Bekanntschaft mit Jefferson machte; sie entwickelte sich zu einer echten Freundschaft. Jefferson, der mit dem Deutschen Violine spielte, verhalf dem Kriegsgefangenen zu einer frühzeitigen Rückkehr in die Heimat. Zum Dank ist Geismar nun, wie der Amerikaner notiert, eine Zeit lang sein »Cicerone«.

Als Thomas Jefferson Ende April wieder in Paris eintrifft, versucht er eine politische Bilanz. Seine Gedanken vertraut er George Washington an, dem Helden des Unabhängigkeitskrieges, dem kommenden Präsidenten. Am 2. Mai 1788 schreibt ihm Jefferson, dass er nun verstehe, wie sehr »die Freiheiten des deutschen Staatskörpers« – also die Souveränität seiner einzelnen Glieder bei ihrer gleichzeitigen Unterordnung unter den Kaiser als Bundesoberhaupt – durch das föderale System gewährleistet werde, trotz der darin auch enthaltenen Mängel, die dringend einer demokratischen Reform unterzogen werden müssten. Denn alles Gute innerhalb dieser grundsätzlich freiheitlichen Ordnung entspringe den »zarten Fasern des Republikanismus, der darin auch existiert«.

Deshalb wünsche er sich, schreibt Jefferson weiter, dass der künftige US-Präsident seine Amtszeit freiwillig beschränken möge, auch wenn ihm die Verfassung die Möglichkeit zur ständigen Wiederwahl einräumt (erst 1951 wird der Zusatzartikel 22 verabschiedet, der die Amtszeit auf zwei Perioden begrenzt). Ein amerikanischer Bundespräsident, der bis zu seinem Tod amtiere, meint Jefferson, sei dem von den Kurfürsten auf Lebenszeit gewählten deutschen Bundesoberhaupt, dem Kaiser, der wie ein Erbmonarch agiere, zu ähnlich. Der oberste Amtsinhaber einer demokratischen Republik müsse stets durch eine begrenzte Amtszeit daran erinnert werden, dass er nur als Treuhänder des Volkes regiere.

Am 21. Juni 1788 tritt Amerikas Verfassung, nach ihrer Ratifizierung durch den Bundesstaat New Hampshire, dann endlich in Kraft. Wie erwartet, wird kurz darauf George Washington zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Er folgt nicht dem Vorbild des deutschen Kaisers, sondern Jeffersons Rat: Freiwillig begrenzt er seine Amtszeit; nur einmal lässt er sich wiederwählen. Diesem Muster nach handeln bis ins 20. Jahrhundert hinein alle amerikanischen Staatschefs – auch Thomas Jefferson, der 1801 der dritte Präsident der Vereinigten Staaten wird.