Seit 2008 habe ich mir angewöhnt, die Ergebnisse der Vorwahlen durch Kartenlegen vorherzusagen. Damals wünschte ich nichts sehnlicher als einen Sieg Obamas, und Hexerei beruhigt die Nerven. Einen Tag vor jeder Vorwahl schickte ich meinen erwachsenen Kindern die Tarockergebnisse. Die verachteten ohnehin meinen Mangel an politischer Raffinesse, sodass ich damit keinen Schaden anrichtete. Und die Tarockkarten erwiesen sich als viel zutreffender als jedes professionelle Umfrageergebnis und richtiger als meine eigenen Einschätzungen. Wieder und wieder triumphierten die Karten.

Dieses Jahr hatten mich die Wahlen eine Zeit lang derart kaltgelassen, dass ich vom Kartenlegen zunächst die Finger ließ. Obama schien der sichere Gewinner zu sein. Die Republikaner hatten sich mit der Aufstellung Romneys selbst ins Bein geschossen. Er war zu reich für die Mittelklasse, zu mormonisch für die Southern Baptists, zu unbeholfen für die nicht bekennenden Konservativen unter den Ostküsten-Liberalen. Dass er seine Steuererklärungen weitgehend geheim hielt, schien mir als naiver Beobachterin absolut verheerend zu sein – offenbar hatte er etwas zu verbergen. Nachdem er auch noch auf seiner Auslandsreise kein Fettnäpfchen ausließ und besonders in Großbritannien heftig hineintrat, schien sein Schicksal besiegelt: nicht wählbar. Dann kam die erste Debatte. Und Romney "looked presidential" – wirkte wie ein Präsident. Neben Obama stand Romney da wie eine Eins. Er hatte glatte Haare. Er hatte fünf Söhne, von denen einer gesagt hatte, er würde Obama gerne eine reinhauen. Er trat auf mit verbalen Flammenwerfern. Obama wirkte wie ein nervöser, fragiler, kleiner schwarzer Sambo. Das war kein fairer Wettstreit. Es mag sein, dass Obama in diesen 90 Minuten die Wahl verloren hat. Die Karte Amerikas und seiner Wahlmänner – rot für die Republikaner, blau für die Demokraten – färbte sich langsam rot wie bei einer nicht zu stillenden Blutung. Es war mir unerklärlich.

In diesen Tagen, als die Zeit der frühzeitigen Stimmabgabe begann, machte ich mich auf in den Süden der Vereinigten Staaten, um diese Sache zu verstehen. Dort unten im Süden, wo ich meine Stimme abgebe, ist es politisch nicht korrekt, am Arbeitsplatz über Politik zu sprechen. Du kannst nicht zum Friseur oder zum Essen gehen und einfach so herumfragen, weil alle sofort ins Flüstern verfallen. Du musst Augen und Ohren spitzen, um überhaupt ein paar Andeutungen politischer Meinungen zu erhaschen. Ich begann meine Feldstudien auf Parkplätzen und in Supermärkten, untersuchte T-Shirts mit der Aufschrift "Put the White back in the White House" und prüfte Gesichter, die ihrer Umgebung zumindest so viel Aufmerksamkeit schenkten, dass man ihnen zutrauen konnte, eine Wahlkabine aufzusuchen. Ich habe keine Ahnung, weswegen es hier ein solches Tabu ist, über Politik zu reden, aber ich vermute mal, dass das Thema Feindseligkeit erzeugt, und in Gegenden, wo man Waffen tragen darf, kann Feindseligkeit gefährlich werden. Ich versuchte Leute in Gespräche zu verwickeln, indem ich Satzbrocken hinwarf wie "Na, glücklich mit Obama?", aber die meisten wichen bei einer solchen Frage erschreckt zurück. Schließlich machte ich mich an eine Bekannte heran, entlockte ihr ihre Meinung in einem Restaurant bei gegrillten Hühnchen.

Tammy Bolin ist eine selbstlose, freundliche Frau von 45 Jahren, die zuckerkrank ist und ein Herzleiden hat und die, da sie nicht krankenversichert ist, ihre letzte Infarktbehandlung in monatlichen Raten beim Krankenhaus abstottert. Sie ist wie 50 Prozent der Bevölkerung in dieser Gegend krankhaft fettleibig. Sie verdient ein bisschen Geld mit der Betreuung von Rasenflächen, was wenig bewegungsintensiv ist – meist mäht sie Rasen mit einem Aufsitzmäher. Sie zog ihre Kinder mit Sozialhilfe auf. Sie ist Teil jener 47 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, die Romney verschmäht, sie gehört zu der Bevölkerungsgruppe, deren Entscheidungen über das Kinderkriegen Romney beaufsichtigen will, sie ist ein dreihundert Pfund schwerer Teil der unrentablen Klasse, die von einer Romney-Regierung wenig Gutes zu erwarten hat.

Nach drei Portionen gegrillter Hühnchen gesteht sie mir, für Romney Feuer gefangen zu haben. "Ich vermute, so wie mir geht es den meisten hier", versichert sie. "Romney wird etwas für uns tun. Außerdem sieht er gut aus. Palin unterstützt ihn." Tammys Boss, Jebb, bleibt an unserem Tisch stehen, und sie sagt mit dreister Stimme: "Wir unterhalten uns über die Wahl." Er erwidert brummig: "Kann Romney eigentlich nicht leiden, aber ich würd’ immer noch lieber für einen Mormonen stimmen als für einen Muslim."

Jebb versteht sich auf die Behandlung von Untergebenen. Er stammt aus einer alten Sklavenhalterfamilie. Er glaubt nicht ans Steuerzahlen. Ihm gefällt es, dass Romney kaum welche zahlt. Auf die Frage, wer die Straßen pflastert, wenn niemand Steuern zahlt, antwortet Jebb: "Jeder Mann pflastert seinen Teil." Es ist möglich, dass Jebb keine Ahnung hat, wie solche Dinge funktionieren. Bevor er wieder geht, sagt Jebb: "Obama ist der Beweis dafür, dass egal womit ein Nigger sein Geld verdient, er immer im öffentlichen Wohnungsbau hausen wird." Tammy sekundierte mit einem Kichern.

In diesem Moment fühle ich mich mit Tammy verbunden. Ich bin tatsächlich sehr amerikanisch – ich verstehe nichts von Politik. Zum Beispiel weiß ich nicht, weshalb Obama versprach, Guantánamo zu schließen, und es dann doch nicht tat. Oder weshalb er jegliche Maßnahmen gegen Bushs Folterknechte unterließ. Das war doch nicht Teil meiner Vereinbarung mit ihm, dachte ich. Aber ich lasse diese Einwände mal beiseite, weil ich Romneys Gesicht nicht mag und auch nicht seine aufdringliche Machomanier. Ich mag seine Freunde nicht. Ich mag es nicht, dass er wie Bush aus reichem Hause stammt und wie Bush falsches Englisch spricht (niemand in der amerikanischen Presse fand seine grammatikalischen Patzer in der Parteitagsrede erwähnenswert). Oh, und seine Frau Anne ist echt ekelhaft. Wahrscheinlich "hasse" ich Romney. Ich vertraue Obama, egal wie rätselhaft sein Verhalten sein mag, weil er aus bescheidenen Verhältnissen stammt, in Harvard studierte, eine Zeit lang in Übersee lebte, verschiedenrassige Eltern hat, Talent zum Schreiben zeigt und einen Luo-Nachnamen trägt. Die Luo sind unbeirrbare, geduldige Fischer – ich war sehr angetan, einen Präsidenten afrikanischen Stils zu haben.