Wie auch immer die Präsidentschaftswahl am 6. November ausgeht: Man kann das Geschehen ein wenig besser verstehen, wenn man vorher mit Todd McCowin geredet hat. Der Baufachmann hat vor ein paar Monaten von seinem Boss einen neuen Auftrag übernommen. Ein brandneuer Industriepark soll entstehen, und McCowin soll darüber wachen, dass alles klappt. Der Chef hatte damals zu McCowin gesagt: "Von der Stadt hast du noch nie gehört: Youngstown in Ohio."

McCowin aber hatte sehr wohl schon von Youngstown gehört. Er stammt sogar von dort. Eine Rückkehr jedoch hatte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. "Nach der Highschool bin ich so schnell wie möglich abgehauen – es gab keine Jobs, keine Zukunft, nichts", erinnert sich der Mittvierziger, der mit seiner Basecap und dem Stoppelbart wie ein Countrysänger aussieht.

Doch inzwischen liegen die Dinge anders in Youngstown im Bundesstaat Ohio. McCowins Job, sein neues Projekt, ist eine geschäftige Großbaustelle in einem Industriepark. "Schweißer gesucht", steht auf einem Schild am Straßenrand. Nebenan sind einige Werkshallen schon fertig, Maschinenlärm schallt daraus herüber. Für die Leute hier bedeutet das sehr viel: Es ist das Zeichen einer wirtschaftlichen Wiedergeburt.

Denn die neue Fabrik, die hier entsteht, ist Teil einer großen Hoffnung für Youngstown, für Ohio und für ganz Amerika. Der Bauherr ist Exterran, ein Spezialist für den Bau von Anlagen, die man zur Erdgasverdichtung und Veredelung einsetzt. Zurzeit werden eine Menge neuer Schiefergasfelder in Ohio und im benachbarten Bundesstaat Pennsylvania erschlossen. Ab Februar schon soll die neue Fabrik, die unter McCowins Aufsicht entsteht, Anlagen an die Energiekonzerne liefern können. Für Exterran ist die Investition eine 15 Millionen Dollar schwere Wette auf den kommenden Energieboom. Für Youngstown und Ohio ist sie eine Chance zu beweisen, dass das einstige Herz der Industrienation USA wieder schlagen kann. Und für wen dieses Herz schlagen wird, entscheidet sich ebenfalls in Ohio bei den bevorstehenden Wahlen.

Der Bundesstaat ist ein sogenannter Swing State, dessen Wähler sich mal für die Demokraten, mal für die Republikaner entscheiden. Nirgendwo im Land wird der Wahlkampf deshalb so erbittert geführt wie in diesem Teil Amerikas, mit seinen bröckelnden Schornsteinen und den toten Bahngleisen.

Wer am kommenden Dienstag in Ohio gewinnt, heißt es, gewinnt die Wahl. Und so jagen Obama und Romney von Stadt zu Stadt, schütteln Hände und klopfen Schultern. Paul Ryan, Mitt Romneys Stellvertreter, flog eigens ein, um vor laufender Kamera in einer Suppenküche in Youngstown Teller abzuspülen. Hunderte Wahlhelfer marschieren mit ihren Broschüren von Haustür zu Haustür, und Reporter aus New York und Washington, Tokio und Hamburg befragen unentschlossene Wähler.

Denn davon gibt es noch viele in Ohio. Sie fragen sich, welcher Kandidat das so lange ersehnte Comeback der Region herbeibringen kann. Obama mit seinem Versprechen von mehr Förderung und Ausbildung – der in diesen Tagen gerne betont, dass er der Automobilindustrie und anderen Altindustrien in der Not helfend unter die Arme gegriffen hat? Nach einigen Berechnungen hängt immerhin einer von acht Jobs in Ohio an der Autowirtschaft.

Oder doch Romney mit seiner Erfahrung als Geschäftsmann? Der hat schon mal gesagt, man solle alte Industrie lieber pleitegehen lassen und Neues schaffen. So viel Aufmerksamkeit haben die Bewohner von Youngstown jedenfalls lange nicht erlebt. Einst wurden hier die Kanonen für den Bürgerkrieg gegossen, später der Stahl für Detroits Autos gewalzt. Darauf war man stolz. So beeindruckend war der Anblick der Schlote und Schmelzen, so feurig erleuchteten sie den Nachthimmel, dass er ein beliebtes Motiv für Postkarten wurde.

Ohio war Amerikas industrielle Lokomotive, Youngstown das Triebwerk. Doch am 19.September 1977 begann das Sterben des Stahl-Tals. An jenem "Black Monday" kündigte Youngstown Sheet & Tube die Schließung seines Flaggschiffwerks an. Andere Werke folgten, und in nur wenigen Jahren wurden 40000 Fertigungsjobs vernichtet. 400 Betriebe machten dicht, und wer konnte, ging. In den sechziger Jahren hatte Youngstown 167000 Einwohner, heute sind es gerade noch 66000.

Youngstown wurde auch zum Symbol für den Verrat durch das Big Business, durch Konzerne, die zu billigeren Standorten in Mexiko und China aufbrachen und die einstigen Industriezentren Amerikas ihrem Schicksal überließen. "Einst hab ich dich reich gemacht, so reich, dass du meinen Namen vergessen hast", heißt es anklagend in einer Ballade, die Rockbarde Bruce Springsteen Youngstown widmete und die für viele hier zur Hymne geworden ist.