Die alte Kulturindustrie schließt neue Allianzen, um sich gegen die Dominanz amerikanischer Technologiekonzerne zu wehren. So ist die Fusion der Buchverlage Random House und Penguin zu interpretieren, die am Montag bekanntgegeben wurde. Random House gehört zum deutschen Medienkonzern Bertelsmann , Penguin zur britischen Pearson-Gruppe.

Gestern galten diese Buchverlage noch als gefräßige Riesen. Sie sammelten Autoren wie der einäugige Zyklop Polyphem wilde Ziegen in seiner Höhle: Hanns-Josef Ortheil , Stephen King , John Grisham , Anselm Grün, aber auch eine Jutta Allmendinger gehören zur schier unüberschaubaren Autoren-Herde, die Random House unter Vertrag nahm. In Deutschland ist die Buchsparte von Bertelsmann durch seine Untergesellschaften Luchterhand, Manesse, DVA, Siedler, Goldmann und Heyne bekannt.

Der britische Verlag steht dem deutschen kaum nach. Zadie Smith schloss bei Penguin ab, der Ökonom Daniel Kahneman ebenfalls, aber eben den verlegt auch Random House, und nun sorgen sich viele Autoren, der neue Megaverlag werde überall auf der Welt die Honorare drücken. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe versicherte am Montag sofort, alle Verlagsleiter dürften wie bisher weitgehend eigenständig handeln. Die Kartellbehörden diverser Länder werden die Fusion noch prüfen.

Doch was ist ein Riese aus der Buchbranche im Vergleich zum Computerkonzern Apple und zum Online-Händler Amazon : Er ist klein. Und schlimmer noch. Der Buchriese wird, um im Bild zu bleiben, selbst zur Ziege. Er könnte zum Futter für die Technologiekonzerne werden.

Apple und Amazon dominieren den Markt für elektronische Bücher, seit sie die populären Lesegeräte iPad (Apple) und Kindle (Amazon) entwickelt haben. Populär klingt gut. Doch was verbirgt sich hinter diesem Wort? Eine enorme Marktmacht. Zu den Lesegeräten gehören konzerneigene Online-Shops, und über die werden einer nicht öffentlichten Untersuchung zufolge vier von fünf E-Books verkauft. Das gilt für Deutschland und ist in anderen Ländern ähnlich.

Diese Tatsache gewinnt Monat für Monat an Bedeutung, weil in den westlichen Industriestaaten das Geschäft mit gedruckten Büchern schrumpft – und die Verkäufe elektronischer Bücher rasant wachsen. In Großbritannien ist die Entwicklung am weitesten. Dort werden bereits mehr E-Books verkauft als Bücher aus Papier. Eine der Folgen ist in den USA zu besichtigen: Amazon diktiert dort mehr oder weniger offen die E-Book-Preise.

Vor zwei Jahren saß ein ranghoher Manager von Random House in der Verlagszentrale in New York und zeichnete das Unheil mit einem Filzstift auf einen Zettel. Er sah sich eingeklemmt zwischen dem Online-Händler auf der einen Seite, der die Preise zeitweilig auf unter zehn Dollar für einen Bestseller drückte. Auf der anderen Seite verlangten die Autoren, dass ihr Erlös an jedem verkauften Buch, egal ob Papier oder digitale Datei, gleich hoch bleibe. Derweil musste der Verlag die alten und die neuen Vertriebswege gleichermaßen bedienen, was seine Kosten steigen ließ. Für den Verlag, so sah es für den Manager aus, bliebe kaum etwas übrig.

Der Medienkonzern Bertelsmann begegnet dieser Entwicklung nun, indem er seine Verhandlungsmacht gegenüber Autoren ausbaut. Vor allem aber stärkt er sich gegenüber den Technologiekonzernen und versucht es hier, dem Odysseus gleichzutun. Der trickste einst den Riesen Polyphem aus, er blendete ihn und entkam.

Aber geht das? Kein Buchverlag kann ohne Apple und Amazon überleben. Und umgekehrt. Die beiden brauchen den neuen Großverlag für ihr Sortiment. Was wären sie ohne dessen Autoren, zu denen auch der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck zählt? Was, wenn Richard David Precht fehlen würde? Das nennt man wohl ein Gleichgewicht des Schreckens.

Doch Amazon hat schon zum Gegenangriff ausgeholt. In den USA bietet der Konzern Autoren an, Bücher direkt zu verlegen und zu verkaufen – und damit die Buchverlage zu umgehen.