Als die Übersetzerin kommt, beginnt Probst zu erzählen, von sich und ihrem Engagement. Wie sie bei der EM twitterte, was die Fußballer auf dem Feld sprachen, und wie Tausende mitlasen. Wie sie Angela Merkel bei einer Veranstaltung tadelte, weil keine Gebärdensprachdolmetscher anwesend waren, bis diese versprach, sie im nächsten Jahr zu stellen. Und auch, wie Regierungssprecher Seibert sie auf der Netzkonferenz re:publica für ihren Einsatz und ihre Hartnäckigkeit lobte: Probst sei ein gelungenes Beispiel dafür, wie nützlich der Austausch per Twitter sein kann.

Früher musste Julia Probst ihre Mutter um Hilfe bitten, wenn sie Freunde anrufen oder einen Termin beim Arzt vereinbaren wollte. Dann kam das Internet, und plötzlich konnte die junge Frau chatten und E-Mails schreiben, mit wem sie wollte. Als sie sich 2009 bei Twitter anmeldete, erwähnte sie ihre Behinderung nicht – und niemand bemerkte etwas. Bis eines Tages ein heikles Thema zur Sprache kam: Dinge, die ihr von mir nicht wisst. Da schrieb Julia Probst, sie sei gehörlos. »Auf einmal kamen so viele Fragen«, sagt Probst. Ob sie Musik vermisse oder ob Gehörlose auch laut lachen. Aus den Fragen wurden Gespräche, aus Gesprächen wurde ein Blog . Probst erklärte den Hörenden ihre Welt. Ihre Behinderung, die ihr sonst vieles erschwert, machte sie nun interessant. Probst wurde zur Symbolfigur der Gehörlosen in Deutschland.

Im Gespräch redet sich Probst schnell in Rage. Sie lässt sich kaum stoppen in ihrer Empörung: darüber, dass Gehörlose bald Rundfunkgebühren zahlen müssen und im Fernsehen kaum Sendungen untertitelt sind. Dass sie nicht einmal die Feuerwehr rufen könnte, wenn es brennen sollte. »In Sachen Barrierefreiheit ist Deutschland ein Entwicklungsland«, ruft Probst fast. Wo merkt sie selbst die Barrieren im Alltag? Einen Moment lang ist es still. Dann sagt Probst: »Ich möchte mein Privatleben schützen.« Obwohl sie online über Gehörlosigkeit schreibt, ist sie offline darauf bedacht, ihrer Behinderung möglichst wenig Bedeutung beizumessen. Immer wieder betont sie, wie tough, wie gebildet, wie gut integriert sie sei. »Ich bin zwar von Geburt an gehörlos, aber ich fühle mich in der hörenden Welt zu Hause«, sagt sie.

Probst hat erkannt, dass ihr ein Paradox anhaftet: Dass sie über Gehörlosigkeit bloggt, hat ihr politische Bedeutung verliehen, ihr eine Aufgabe gegeben. Aber je mehr sie sich für Menschen mit Behinderung starkmacht, desto eher wird sie selbst als ein solcher wahrgenommen. Und »die gehörlose Julia« – das möchte Probst nicht sein.

Im Gespräch spart sie die Barrieren aus, die es in ihrem Leben sicherlich gibt. Und ignoriert die fragenden Blicke, wenn jemand sie nicht versteht. Auch darüber, wie viel Kraft sie das im täglichen Leben kostet, verliert Julia Probst kein Wort. Stattdessen lächelt sie und wiederholt das Gesagte. Gehörlose Menschen würden oft von der Gesellschaft ausgeschlossen, sagt Probst und lässt offen, ob sie damit auch sich selbst meint.

Sie hat ihre Aufgabe gefunden. Beim diesjährigen Tag der offenen Tür der Bundesregierung huscht sie durch die Räume: Wo ist ein Film nicht untertitelt? Und warum nicht? Unbefangen redet sie auf Mitarbeiter in den Ministerien ein, bahnt sich ihren Weg zu Politikern. Aus der privaten Twitter-Userin ist eine öffentliche Lobbyistin geworden.

Sie passt Angela Merkel nach deren Rede im Bundeskanzleramt ab. Probst will sich bedanken: Die Kanzlerin hat ihr Versprechen gehalten und ihren Auftritt in Gebärdensprache übersetzen lassen. Probst spricht ohne Dolmetscher – langsam, deutlich –, und Angela Merkel versteht sie. Ein Fotograf lichtet die beiden ab.