Ein Komponist, der mit 90 Jahren seine erste Oper schreibt und sich darin ausgerechnet einen Autounfall ausmalt, ist entweder ein Freak oder einer, dem der Schalk so tief im Nacken sitzt, dass es ihm schon wieder ernst sein muss. Elliott Carter, der so unamerikanische Amerikaner, vereint auf wundersame Weise beides in sich. "What next?", fragen sich die Figuren seines gleichnamigen Musiktheaters (uraufgeführt 1999 an der Berliner Staatsoper unter seinem Freund Daniel Barenboim) – was nun? Wo kommen wir her, wo wollen wir hin, wer sind wir überhaupt? Ein einziger kathartisch-katastrophischer Augenblick auf 45 Minuten ausgedehnt, die Zeit in Zeitlupe, als würden nicht nur Stoßstangen, Reifen und Auspuffe durch die Luft gewirbelt, sondern vor allem winzige Lack- und Rußpartikelchen, tausenderlei Tröpfchen von Öl und Benzin, allerlei leicht entflammbare Gifte und Gase.

Um diese Gischt funkeln und schweben zu lassen und dem vermeintlichen Chaos zur Klarheit zu verhelfen, braucht Carter im Orchestergraben bloß etwas mehr Schlagwerk als sonst. Keine elektronischen Kopfstände à la Stockhausen, keine Hymnen auf den Zufall à la John Cage und nichts Avantgardistisch-Kratzbürstiges. Mit Ideologien weiß der gebürtige New Yorker zeitlebens wenig anzufangen. Man nennt ihn dafür einen "Polymetriker", irgendwie muss das charakteristische Geschichtetsein von Rhythmen und Geschwindigkeiten in seiner Musik ja betitelt werden.

Den einen ist er damit zu neoklassizistisch, den anderen zu komplex und den Dritten, den Europäern, oft zu konventionell. Soundso viele Schaffensphasen werden Carter nachgesagt, wilde ästhetische Haken soll er geschlagen haben – alles "rubbish", wie der Komponist im Dezember 2008 kurz vor seinem 100. Geburtstag bei einem Besuch in New York erklärt. Er habe die Musik geschrieben, die er schreiben wollte. Punkt. "Molekular-Kontrapunktiker", könnte er sich damit anfreunden? Carters lichtes Antlitz strahlt, er liebt Scherze: "Wenn es Sie glücklich macht!?"

StrawinskysSacre du Printemps ist Elliott Carters großes musikalisches Erweckungserlebnis. Er hört das Stück, das zehn Jahre zuvor in Paris einen der beispiellosesten Skandale der abendländischen Musikgeschichte entfesselt, 1923 in der Carnegie Hall, am Pult steht der Uraufführungsdirigent Pierre Monteux: "Das war das Kühnste, Tollste, Aufregendste, was mir je zu Ohren gekommen war. Das wollte ich auch!" Fünfzehn ist er da und soll den väterlichen Betrieb übernehmen, einen Textilhandel. Der geht wenig später pleite, was den Sohn nach Harvard bringt, er studiert Literaturwissenschaft, Mathematik, Altgriechisch und Philosophie, lernt Klavier und Oboe – und wird doch Komponist. Ohne dass er lesen kann, singt schon Klein-Elliott zu jeder Schallplattenhülle zu Hause die richtige Musik. Der Vater sträubt sich gegen das Talent – "trotzdem sind meine Eltern und ich Freunde geblieben".

Carter geht nach Europa, studiert bei der legendären Nadia Boulanger in Paris, plaudert mit Paul Valéry, verkehrt später intensiv mit Charles Ives und Edgar Varèse. Die amerikanische Erstaufführung von Alban Bergs Wozzeck erlebt er an der Seite von George Gershwin, und in den sechziger Jahren beobachtet er in einem New Yorker Restaurant, wie sein Freund Igor Strawinsky, der nie Autogramme gab, Frank Sinatra höchst umständlich eines schreibt, ja förmlich malt.

Man könnte meinen, einem Künstler mit einem so langen und reichen Leben würde alles Zeitgeschichtliche wie auf einem Silbertablett serviert. Am Tag, als der Erste Weltkrieg ausbricht, fällt dem Fünfjährigen ein Goldfischglas herunter, die Scherben und zappelnden Fischlein gehören zu Carters frühesten Erinnerungen. Was mit diesem Tag tatsächlich zu Bruch geht, ahnt er nicht, wie auch die Kriegsschiffe auf dem Hudson River ihn wenig später mehr erregen als erschrecken. 87 Jahre später verfolgt der Komponist von seinem Arbeitszimmer in Greenwich Village aus, wie am 11. September 2001 die Türme des World Trade Center in Flammen aufgehen. Nicht dass er die Flugzeuge der Terroristen hat fliegen sehen oder Menschen aus den Fenstern springen, aber unheimlich ist dem damals 92-Jährigen die Sache sofort: "Ich wusste, es ist etwas Grauenhaftes passiert." Der Wolkenkuckucksheimer in seiner Loge, mit Blick auf die Welt? "Musik hat keine politischen Konsequenzen. Aber sie kann uns glücklich machen mit uns selbst."

Das einzige wirklich "politische" Werk, das Carter komponiert, bezieht sich auf die Befreiung von Paris im Juni 1944. Eine Partitur für großes Orchester, knapp zehn Minuten lang, die trotz aller Jazz- und Folk-Zitate heftig klingt und bei aller Stringenz einmal mehr chaotisch, als sei dem Dirigenten der Taktstock aus der Hand gefallen. Ihr Titel? Holiday Overture : Ferien-Ouvertüre, endlich Ferien von den Nazis. Humor, sagt Elliott Carter, sei eine Notwendigkeit im Leben wie in der Musik. Wobei es hochinteressante Kollegen gebe, die absolut humorlos seien.

Ein Drittel des rund 100 Titel umfassenden Carterschen Œuvres entsteht erst seit Mitte der neunziger Jahre, ein vitales Alterswerk, darunter Hauptwerke wie das Cello- und das Horn-Konzert, sein Klarinetten-Quintett oder die mächtige Symphonia . Länger als eine Dreiviertelstunde dauert die Musik bei ihm nie, an dieses Maß hält er sich seit seinem berühmten ersten Streichquartett von 1950 (für das er den ersten von zwei Pulitzerpreisen erhält), einer flirrenden Fata Morgana der Gattung. Steht Carter auf dem Programm, muss sich der Konzertbetrieb also immer noch etwas dazu ausdenken. Seine Stücke wollen partout nicht allein sein, sie provozieren das Miteinander, das einander Fremdseindürfen, das Soziale im Exzentrischen, wenn man so will.

Und das wirkt tief in die Musik selbst hinein. Die Anleitung zu seiner lange als skandalös geltenden Cello-Sonate von 1948 lautet, der Cellist möge Schönberg spielen und der Pianist Strawinsky. Elliott Carter hat nie für Synthesen gesorgt, sondern Gegensätze ausgehalten und so ein Stück Angst aus der Welt geschafft. Am Montag ist er nun 103-jährig in New York gestorben. Unvergesslich, wie er 2008 zum Abschied in der Tür stand und winkte: "Jetzt haben wir alles gesagt, was zu sagen ist, nicht wahr?"