Das gierige Auge – Seite 1

Muss das sein? Haben wir nicht längst genug vom Terror der Intimitäten? Halb angewidert, halb angezogen schauen wir uns um in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt , wo Tracey Emin noch einmal ihr Lotterbett aufgestellt hat. Das Bett gewährt privaten Einblick oder gibt zumindest vor, ihn zu gewähren, indem es mit seiner Versifftheit aus verdreckten Klamotten, Kippen und Kondomen prahlt. Da die Künstlerin sich aber selbst dafür entscheidet, ihr Bett öffentlich auszustellen, bleibt sie Herrin über ihr Leben, denn sie kontrolliert, was sie zeigen will. Die Entblößung wird zur öffentlichen Rolle, und hinter dieser Rolle lässt sich das wahrhaft Private verstecken.

Ähnliches zeigt sich auf den bestürzenden Fotografien von Richard Billingham, der mit seiner Kamera in eine Welt leuchtet, die das Privatfernsehen gern anstrahlt. Auf einem seiner großformatigen Werke sitzt eine dicke Frau mit bunt tätowierten Armen auf dem Sofa und legt ein Puzzle. Der am unteren Bildrand entstehende Himmel korrespondiert mit ihren auf dem Tisch wartenden Zigaretten der Marke Sky. Und die farbliche Aufgeregtheit der einzelnen Puzzleteile findet eine bunte Entsprechung auf ihrem üppigen Blumenkleid. Aus dem Katalog erfahren wir, dass es sich um die Mutter des Künstlers handelt, die in einem Sozialbau in Birmingham ihr Dasein fristet. Seine Fotografien funktionieren dabei ebenso als reine Dokumentation des Elends wie als herausragend inszenierte Bilder, die dem Betrachter Geschichten erzählen, die ihn nichts angehen. Früher hätte man gesagt, alles Private sei politisch; heute erscheint alles Private öffentlich.

Die Kuratorin Martina Weinhart versucht mit ihrer Gruppenausstellung zu bestimmen, was das genau heißen mag. Werke von rund 30 Künstlern hat sie versammelt, vornehmlich Fotografien und Filme aus den vergangenen Jahrzehnten, die vom unterschiedlichen Umgang mit dem Persönlichen zeugen: von den Anfängen, als Nacktheit noch eine Nachricht war, bis heute, da Mädchen im Kinderzimmer Pornoposen imitieren, um im Netz groß rauszukommen. Dabei hat sich das Private in seinem Kern weniger geändert als seine Darstellung und weltweite Verbreitung in Sekundenschnelle. Die Öffentlichkeit lauert heute vor allem im medialen Raum.

Das mag man bedauern und muss doch zugestehen, dass die Konjunktur des Privaten gerade in repressiven Systemen ein Segen ist. Nicht zufällig füllen Ai Weiweis Schnappschüsse auf digitalen Bilderrahmen eine ganze Ausstellungswand. Fotos, die den obsessiven Twitterer und Blogger Ai Weiwei mit der Welt verbinden. Es sind Lebenszeichen eines verfolgten Künstlers, der zumindest über die Zurschaustellung seiner selbst zu herrschen scheint.

Auch den Unterschied zwischen Erotik und Pornografie gibt’s zu sehen

Die Kontrolle behalten, darum geht es auch Leigh Ledare, der seine eigene Mutter gewissermaßen in flagranti erwischt. Mother Fucking in Mirror oder schlicht Blow Job betitelt er Fotos, die genau das zeigen. Grelle pornografische Aufnahmen, die ihre Unerhörtheit daraus beziehen, dass hier ein Sohn seine Mutter in obszöner Unzweideutigkeit für die Ewigkeit festhält. Die Bilder füllen in der Ausstellung ein kleines Kabuff, in dem sich schön der Unterschied zwischen Pornografie und Erotik studieren lässt. Auf einem der Fotos erahnen wir die Mutter mehr, als dass wir sie sehen, sie liegt im Bett, wirft ihre schlanken Beine einladend in die Luft, und doch umwittert das Bild ein Geheimnis, das die Privatsphäre der Mutter, des Fotografen wie des Augenblicks wahrt.

Intimität allein würde uns bloß ein gieriges Glotzen entlocken

Wo fängt es an, das Private? Wo endet es? Schlafende sind ein beliebtes Sujet der Malerei, dort werden sie, kunstvoll drapiert, in Ruhe gelassen. In der Fotografie wirken sie hingegen stets wie ertappt. Schlafende zu fotografieren ist noch immer ein Akt der Indiskretion. Der Brite Mark Wallinger tapeziert einen ganzen Raum mit solchen Porträts: schlafende Frauen und Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit ihren offen stehenden Mündern wirken sie zur gleichen Zeit an- wie abwesend. Wallinger hat die Schlafenden nicht selbst aufgenommen, sondern sich ihrer Bilder im Internet bemächtigt. Die privaten Momente waren der Öffentlichkeit längst preisgegeben, ohne dass sich die Abgelichteten dagegen wehren konnten. Anders verhält sich das bei der Diashow der amerikanischen Fotografin Nan Goldin, die sich selbst und andere in ihrem Alltagsleben beäugt, ob im Bett oder in der Badewanne. Dabei bringt sie ihre eigene Poesie des Privaten hervor, die nichts gemein hat mit der sonst in Funk und Fernsehen so beliebten Buntheit schriller Öffentlichkeit.

Das radikalste Werk der Schau ist überraschenderweise auch das älteste. Stan Brakhages zwölf Minuten langer Stummfilm Window Water Baby Morning aus dem Jahr 1959 zeigt die Geburt seines ersten Kindes in all seinen abstoßend blutigen Details. Das freudige Ereignis gerät hier zum rein körperlichen, ganz und gar unromantischen Vorgang, der in seiner konsequenten filmischen Umsetzung dennoch imstande ist, das Unfassbare des Geborenwerdens zu feiern.

Feministinnen beschimpften Brakhage dafür, seine Frau den voyeuristischen Blicken anderer auszusetzen, manch ein Zuschauer fühlt sich der Ohnmacht nahe, und der Filmregisseur Andrei Tarkowski bemerkte, der Film sei zu wissenschaftlich, um Kunst zu sein, denn die müsse ein Geheimnis in sich bergen. Das wahre Geheimnis des Films aber, seine auratische Stärke, wenn man so will, nistet in seiner Montage der Bilder, die den Schreck und das Glück aneinanderschneidet.

Dabei gilt für Brakhage, was auch für die Fotos von Billingham und Goldin gilt: Ihre Intimität allein würde uns bloß ein gieriges Glotzen entlocken. Erst mit ihrer kunstvollen Inszenierung und anrührenden Neuordnung der Wirklichkeit werden sie interessant. Sie verraten das Private nicht an den Voyeurismus, sondern lassen uns im Gegenteil spüren, wie wichtig es oft ist, sich in eine geschützte Sphäre des Ungeschützten zurückziehen zu können. Die Kunst macht öffentlich, wo die Grenzen des Öffentlichen verlaufen.