Sie gelten als Auslöser des Finanzkollaps von 2008, und der Großinvestor Warren Buffett nannte sie schon mal "finanzielle Massenvernichtungswaffen": Mit kaum einem Finanzprodukt verbinden sich so apokalyptische Vorstellungen wie mit Derivaten. Dazu trägt sicher auch das beängstigend rasante Wachstum dieser Finanzinstrumente bei, die für viele undurchsichtig bleiben. Das Volumen des gesamten Derivatemarkts wird heute auf 600 bis 1000 Billionen Dollar geschätzt, das Zwanzigfache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts also – eine unvorstellbare Zahl. Kritiker fordern starke Beschränkungen oder gar einen Bann.

Doch manchmal können Derivate – auch wenn das außerhalb der Finanzwelt kaum jemand wahrhaben will – äußerst nützlich sein. Etwa vergangene Woche, als der Supersturm Sandy über die amerikanische Ostküste und das Finanzzentrum an der Wall Street hinwegfegte. Die New Yorker Börse musste zwei Tage lang schließen – nur während des Crashs von 1929 und nach den Terroranschlägen vom 11. September war sie länger geschlossen – aber nach ihrer Wiedereröffnung blieb es ganz ruhig. Keine Panikverkäufe, nicht einmal scharfe Kursausschläge.

Der Grund für die Gelassenheit waren Derivate. Ohne Aktien-Derivate hätten Anleger wie Pensions- und Investmentfonds abwarten müssen, bis der Handel Tage später wieder einsetzte – um dann womöglich mangels klarer Informationen panisch und blind ihre Wertpapiere abzustoßen. Stattdessen konnten sich die Marktteilnehmer aber schon vorher gegen drohende Verluste versichern, indem sie entsprechende Terminkontrakte und Optionen einsetzten. Im Klartext: Sie konnten beispielsweise einen künftigen Verkaufspreis für ihre Aktien festzurren, noch bevor die Börse wieder eröffnet hatte.

Als dann um 9.30 Uhr am Mittwochmorgen die Eröffnungsglocke an der New Yorker Börse läutete, gab es keine Überraschungen mehr und auch keine Panik: Die Marktteilnehmer hatten schon zuvor aus den Kursen vom Terminmarkt ablesen können, wie die Börse wohl starten würde.

Das war nicht nur bei den Aktienmärkten so. Dank der Terminmärkte konnten sich große Verbraucher auch auf Sandys Auswirkungen auf die Energiemärkte einstellen, indem sie etwa Terminkontrakte auf Benzin, Erdgas oder Heizöl abschlossen. Das kann etwa folgendermaßen aussehen: Ein Logistikunternehmen, das höhere Benzinpreise durch Raffinerieausfälle fürchtet, kauft Benzin auf Termin ein – und wird so von etwaigen Preisspitzen nicht betroffen. Sogar gegen das Risiko, dass Sandy harmlos und der Benzinpreis tiefer als gedacht bleiben würde, kann sich das Unternehmen absichern, indem es gleichzeitig Verkaufskontrakte zu dem Preis abschließt. Damit hat das Unternehmen zumindest das finanzielle Risiko durch Benzinpreisschwankungen neutralisiert.

Nicht Spekulation, sondern "Preisinformation und Risikotransfer sind die fundamentalen Funktionen von Derivaten", sagt Darrell Duffie, Finanzprofessor an der Stanford University. Im besten Fall sorgten Derivate dafür, dass Risiken abgegeben werden könnten: von denjenigen Marktteilnehmern, die es am wenigsten tragen können, an diejenigen, die es am besten verkraften können.

Es ist aber schwer, zwischen guten Derivaten und schlechten Derivaten, zwischen sinnvollen Verwendungen und zerstörerischer Spekulation zu unterscheiden. Denn auch die besten Absicherungsmechanismen funktionieren nur, wenn an dem Markt Spekulanten teilnehmen. Allerlei Finanzakteure mischen mit auf diesem Markt, etwa Banken oder Hedgefonds. Sie erzielen Profite, indem sie mit den Kontrakten handeln und Preiswetten gewinnen. Nur weil solche Spekulanten ständig mit den Kontrakten handeln, gibt es einen Markt, der groß genug ist, damit jeder Absicherer auch einen gewünschten Kontrakt findet. Das gilt für die Absicherung künftiger Weizenpreise wie für Wechselkurse, für Kreditausfälle wie für Schneefall in einem Skigebiet.