Sie hat immer gesagt, man dürfe nicht den Kollektivsingular benutzen. "Die Politik", die gebe es nicht. Parteien, Interessen, Menschen, sicher, aber was bitte sei denn "die Politik"?! Ihre Kräuterteetasse konnte hart auf dem Konferenztisch der ZEIT-Politikredaktion aufschlagen bei solchen Einsprüchen. Ja, sie hat recht. Dachte man dann gelegentlich.

An diesem Sonntag aber, als um 18.57 Uhr die Nebentür im SPD-Geschäftszimmer des Kieler Rathauses auffliegt, diese Tür mit dem Zettel "Kein Zutritt" dran, als ein bärtiger Genosse unter lautem Gejohle "Susanne Gaschke, die Gewinnerin des heutigen Abends!" hereinruft und als diese Gewinnerin nicht weiß, in welche Arme sie zuerst fallen soll, da gibt es sie sehr wohl: die Politik. Sie boxt mir genau gesagt gerade heftig in den Magen. Der Kollektivsingular DIE ZEIT ist einen Moment lang benommen und taumelt. Inmitten der Freude spürt er ein übles Gefühl von Verkleinerung. Diese Frau, diese Redakteurin soll plötzlich der anderen Seite gehören? Der Politik?

Wir, ihre Kollegen, hätten etwas ahnen müssen, als Susanne im Februar in ihrer Kolumne im Politikteil schrieb: "Deutschland ist das Land der kleineren Großstädte, der Städte wie Kiel eben. Wenn man Kiel versteht, kann man Deutschland nicht missverstehen. Ziele für Kiel: Wiedereröffnung des Flughafens. Ansiedlung eines Sternerestaurants und einer seriösen Fischbrötchenbude. Sprengung von Teilen der Innenstadt." Kurze Zeit später wurde der Posten des Oberbürgermeisters frei, weil sein Inhaber lieber Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden wollte. Susanne witterte ihre Chance, das Projekt Kielverschönerung anzugehen (im Ernst und ohne Sprengstoff). Die 45-Jährige war eben nicht nur seit 15 Jahren politische Journalistin bei unserem Blatt, sondern immer auch schon politischer Mensch: seit einem Vierteljahrhundert Mitglied der SPD, einige Jahre Asta-Vorsitzende, verheiratet mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels, Mutter einer Sozialdemokratin, vor allem aber eine, jawohl, Kieler Patriotin.

Trotz der gemeinsamen Liebe für die entwicklungsfähige Fördestadt bin ich immer der Ansicht gewesen, ein Journalist sollte nicht Mitglied einer Partei sein, einfach um ohne Rücksicht auf eine Solidargruppe je nach Anlass ebenso hart von links wie von rechts zuschlagen zu können. Ich würde weiterhin sagen, dass dieser Grundsatz richtig ist. Außer im Fall von Susanne. Sie ist ein wahrscheinlich seltenes Ausnahmebeispiel dafür, dass sich wahre politische Leidenschaft auf mehrere Weisen entfalten kann (wenn nicht gar muss), und zwar jeweils glaubwürdig. Als ZEIT- Redakteurin war sie geistig unabhängig genug, je nach Anlass genauso hart von links wie von rechts auch gegen die Sozen zuzuschlagen. Erinnerlich sind leichte Haken wie "Ein irrer Verein" oder "Wacht auf, Verdammte!". Und im Wahlkampf um das Kieler Oberbürgermeisteramt, in dem ihr nicht zuletzt Parteigenossen vorwarfen, sie bringe keine Verwaltungserfahrung mit, war sie ehrlich genug, ihre blinden Flecke zu benennen. Ein Kollege von der Lokalzeitung erinnert sich in lobendem Ton an eine Gelegenheit, als die studierte Literaturwissenschaftlerin einem Bürger entgegnete, ihr fehle im Moment genaueres Hintergrundwissen zum örtlichen Protonentherapiezentrum. "Das kann man ja auch mal zugeben", so der Nachrichtenmann anerkennend.

Wenn es darüber hinaus eine Qualität gibt, die Journalisten und Politiker verbinden sollte, dann die Bereitschaft, für eine Sache einzutreten, von der man überzeugt ist, und zwar auch gegen die Mehrheitsmeinung, welche bekanntlich eine der stärksten Kräfte des Universums ist. Dass sie das konnte und dass sie dabei Kollegen mitriss, herausriss aus bisweilen eben doch schablonenhaftem Redaktionsdenken, das hat Susanne Gaschke zu einer der prägenden Redakteurinnen dieses Blatts gemacht.

Als im Januar 2002 Astrid Lindgren starb, hat Susanne, um nur ein Beispiel zu nennen, uns partei- und machtpolitikversessenen Kollegen ins Gewissen gerufen, was in dieser Woche wirklich auf die Titelseite gehöre, nämlich verdammt noch mal die Feststellung, dass Lindgren den Literaturnobelpreis "tausendmal verdient gehabt" hätte! Kurzes Baffsein. Und dann? Riefen plötzlich die Kinder in uns allen: Ja! Ganz genau! War das schön.

Nun, schreibt die taz über Susanne Gaschke, werde "die politische Journalistin zur journalistisch arbeitenden Politikerin". Den Vergleich findet sie gar nicht schlecht. Was sagt sie gar in ihrer ersten Dankesrede im Kieler Ratssaal, als sie von den wichtigsten Herausforderungen der nächsten Wochen spricht? "Wichtige Rechercheaufgaben" (!) lägen vor der Verwaltung. Und worüber sie mit den Kielern unbedingt noch sprechen "müsse", so die zu diesem Zeitpunkt bereits ehemalige Leitartiklerin, sei die niedrige Wahlbeteiligung von knapp 32 Prozent.