Dieser durchschlagende Erfolg bringt das Lob der Atmosphäre allerdings in die Klemme. Wenn zwischen Flensburg-Nord und München-Süd alles »atmosphärisch« ist, wenn ein Lifestyle-Automobilsalon und eine Kunstausstellung dieselbe lebendige Atmosphäre ausstrahlen und Mensch und Ding zartfühlend miteinander versöhnen – wie kann dann Böhmes rettende Formel noch kritisch sein? Wenn selbst ein Waschvollautomat, Modell Karibik, eine »anmutige Atmosphäre« erzeugt – worin besteht dann noch der Eigenwert der Kunst? Ist sie nicht längst die willige Helferin eines symbolischen Kapitalismus, dessen allumfassende Affektökonomie man, wie der Künstler Damien Hirst annimmt, nicht mehr von außen kritisieren, sondern nur noch von innen ironisch umspielen kann? Damit gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Kunst und Leben, und ausgerechnet die atmosphärisch animierte Marktgesellschaft hätte den Traum der linken Avantgarde erfüllt, den progressiven Traum einer Versöhnung von Ästhetik und Gesellschaft.

Der in Frankfurt am Main lehrende Philosoph Christoph Menke steht jedenfalls nicht allein mit dem Verdacht, die Kunst sei mehr als je zuvor Teil der Waren- und Konsumwelt geworden. Damit habe sich auch der Begriff des bürgerlichen Geschmacks geändert. Zielte der Kunstgeschmack früher auf »Wahrheit« und »Erkenntnis«, so dient er heute der »kreativen Anpassung« an die Verhältnisse. Mit einem ästhetisch gebildeten Geschmack trainiert der Einzelne den Auftritt auf dem Laufsteg des Sozialen, er trainiert seine Verwertbarkeit als Selbstunternehmer, hält sich auf dem Arbeitsmarkt verkäuflich und modelliert das Design seines Lebens. »Passt die Sache in mein Leben? Welches Leben passt zu dieser Sache? Wie muss ich mein Leben ändern, damit ich mich dieser neuen Sache anpassen kann?« (Christoph Menke/Juliane Rebentisch: Kreation und Depression; Kadmos Verlag)

Die Kunst hilft dem Kunden dabei, sich »kreativ« an neue Produkte anzupassen

Etwas anderes kommt hinzu. Viele Industrieprodukte erfüllen nicht mehr bloß vorhandene »Bedürfnisse«; sie verkaufen etwas Imaginäres und befriedigen Wünsche, die durch die Waren selbst erst hervorgebracht werden. Auch hier steht ein ästhetisches Marketing hilfreich zur Seite. Es schafft eine zwanglose Atmosphäre und ein schönes kulturelles Ambiente, in dem der Käufer »kreativ« entdeckt, dass er ein Mobiltelefon mit Berührungsbildschirm zwar schon immer dringend benötigt, bedauerlicherweise aber von diesem Wunsch bislang nichts gewusst hat. Aus dem stimmigen »Zueinanderpassen von Mensch und Sache, dessen sich der ästhetische Geschmack im Genuss am Schönen versichert, wird die beständige Anstrengung zur Anpassung an die sich erneuernden Produkte« (Christoph Menke).

Wenn das stimmt, dann wäre Böhmes kritischer Begriff der Atmosphäre eine schöne Illusion und stünde kurz davor, vom Marketing »konsumiert« zu werden. Denn je ästhetischer die Konsumatmosphäre gestaltet wird, desto schwieriger wird es für die Künstler, unverwechselbar eigene Atmosphären zu schaffen und sich von den Creative Industries des symbolischen Kapitalismus erkennbar zu unterscheiden. Sonst könnten die Künstler ja gleich (wie bereits geschehen) einen Prada-Shop in einem Museum errichten – und umgekehrt könnten Künstler in den Schaufenstern von Hermès ausstellen (was ebenfalls der Fall ist).

Doch klingt das vielleicht aussichtsloser, als es ist. Zwar müssen die Künstler auf die Ästhetisierung des Marketings reagieren, wenn sie nicht zu Hofmalern des symbolischen Kapitalismus verwahrlosen wollen, sie müssen sich den Vereinnahmungen durch Atmosphären-Manager entziehen, selbst wenn sie damit in Verdacht geraten, ihre Kunst sei abhängig von den Schachzügen des »Gegners«. Aber der Unterschied zwischen Ökonomie und Kunst bleibt doch signifikant und ist mit bloßem Auge immer noch zu erkennen. Im Gegensatz zu einem Konsumprodukt, das einem einzigen Zweck gehorcht, nämlich gekauft zu werden, ist ein zweckfreies, mit seinen Bedeutungen spielendes Kunstwerk nie eindeutig zu bestimmen – erst recht dann nicht, wenn es in einem Museum steht.

Selbst der gefühlte »Sinn« der atmosphärischen Kunst-Welten bleibt in der Schwebe. Auf der einen Seite wirken sie wie eine Therapie für verängstigte Zeitgenossen, wie eine idyllische »Welt in der Welt«, die den Betrachter freundschaftlich umarmt, ihn verschluckt und mit der auseinanderfliegenden Wirklichkeit zwangsversöhnt. Auf der anderen Seite aber bringt die Atmosphären-Kunst das Subjekt erst zum Vorschein – als den urteilsfähigen Einzelnen, der souverän genug ist, zu allem auf Abstand zu gehen und sich von nichts und niemandem einschüchtern zu lassen, weder von Sach- und Realitätszwängen noch von einem ökonomischen Kalkül. Und nicht einmal von einer Kunst, die vorgibt, sie erschöpfe sich in der Produktion schöner Atmosphäre.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio