DIE ZEIT: Frau Birthler, hat es Sie überrascht, dass Katrin Göring-Eckardt grüne Spitzenkandidatin geworden ist?

Marianne Birthler: Sie wurde ja keineswegs als Favoritin gehandelt. Ich war der Auffassung, dass die Hausmacht in bestimmten westlichen Landesverbänden bei Renate Künast oder Claudia Roth größer sei. Ich habe mir zwar gewünscht, dass Katrin Göring-Eckardt neben Jürgen Trittin Spitzenkandidatin wird, aber ich war alles andere als sicher, dass das klappen könnte.

ZEIT: Katrin Göring-Eckardt stammt wie Sie aus dem Osten und verbindet ihre politische Arbeit mit einem christlichen Ethos. Auch Sie sind vor der Wende als DDR-Bürgerrechtlerin über die Kirche aktiv geworden. Waren Sie nur in der Kirche, um freier agieren zu können?

Birthler: Nein! Ich bin nicht christlich erzogen worden, habe erst als Halbwüchsige den Glauben für mich entdeckt, und der wurde für mich sehr wichtig. Ganz allmählich habe ich dann aber bemerkt, dass in der DDR die Kirche die Chance hatte, angstfreie Räume und damit Möglichkeiten für Menschen zu schaffen, sich auszutauschen. Das, was in einer Zivilgesellschaft üblicherweise an Gruppen und an Meinungen existiert, ist in der DDR – ich spreche nun von den 1980er Jahren – vor allem in kirchlichen Räumen gewachsen. Das hat die Kirche sehr bereichert und dazu geführt, dass eine Reihe von Leuten, die unter Normalbedingungen in andere Berufe gegangen und Soziologen, Journalisten und Pädagogen geworden wären, lieber einen kirchlichen Beruf ergriffen haben. Manche, weil ihnen das Studium verweigert wurde, andere, weil sie ideologische Konflikte fürchteten und sich hier einen Freiraum erhofften.

ZEIT: Viele Galionsfiguren der DDR-Wende haben einen kirchlichen Hintergrund.

Birthler: Das ist kein Zufall. Die Kirchen boten einen Freiraum, in dem in begrenztem Maße demokratische Fertigkeiten eingeübt werden konnten. Das gab es sonst in der DDR nicht – wie man in geheimer Wahl einen Gemeindekirchenrat wählte oder sich um Mehrheiten bemühen musste, wenn man etwas durchsetzen wollte. Dass verschiedene Auffassungen freimütig diskutiert wurden. Die Kompetenzen, die dort gewachsen sind, waren nach 1990 für viele Leute von großem Nutzen.

ZEIT: Dennoch beklagen die Kirchen, dass im Osten mehr und mehr Menschen die Kirche verlassen. Warum fällt der Glaube im Lande von Luther und Bach auf keinen fruchtbaren Boden?

Birthler: Ich kenne keine genauen Zahlen, vermute aber, dass es große regionale Unterschiede gibt. Mecklenburg, Pommern und Brandenburg waren ja noch nie sehr fromme Regionen. Historisch gesehen hat es dort noch nie eine größere bürgerliche Mittelschicht gegeben – vielleicht, weil es kaum große Städte gibt. In Thüringen oder Sachsen hat sich selbst über 40 Jahre DDR hinaus das Handwerk oder so etwas wie eine mittelständische Kultur gehalten, wenn auch rudimentär. Ich glaube, es ist von großer Bedeutung, dass zwischen 1945 und 1989 vier bis fünf Millionen Menschen in den Westen gegangen sind, darunter viele Selbstständige.

ZEIT: Warum?

Birthler: Das waren Leute, die Ambitionen hatten und bereit waren, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie sind, anders als die Zurückbleibenden, das Risiko eingegangen, einen Neuanfang zu wagen. Das sind Tugenden, die einer Zivilgesellschaft guttun.