"Das Schicksal ist ein mieser Verräter", John Greens Roman über krebskranke Jugendliche, steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Der 35-Jährige lebt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Indianapolis in den USA. Eigentlich wollte Green Priester werden, begann aber vor zwölf Jahren, Bücher für Jugendliche zu schreiben. Er hat eine treue Fangemeinde, bei Lesungen stehen Teenager Schlange, johlen und applaudieren. So auch, als wir ihn im Herbst in Hamburg treffen.

DIE ZEIT: Mr. Green, diese Jugendlichen warten hier schon seit zwei Stunden vor dem Eingang. Macht es Sie nervös, so gefeiert zu werden?

John Green: (winkt zunächst seinen Fans zu und ruft: "See you later!") Und ob mich das nervös macht. Aber schauen Sie nur, sind das nicht wundervolle Menschen!

ZEIT: Hunderte davon. Und sie kommen, um Sie aus einem Buch lesen zu hören, in dem es um krebskranke Jugendliche geht. Erstaunt Sie das?

Green: Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet dieses Buch so erfolgreich sein würde. Denn offen gestanden geht es mir wie meiner Heldin in Das Schicksal ist ein mieser Verräter: Ich hasse Krebsbücher!

ZEIT: Wieso haben Sie dann eins geschrieben?

Green: Ich habe junge Menschen an Krebs sterben sehen. Was ich mit ihnen erlebt habe, liest man nie in typischen Krebsbüchern. Die meisten sind kitschig und sentimental. Deshalb beschloss ich, ein anderes Buch zu diesem Thema zu schreiben. Das war vor zwölf Jahren.

ZEIT: Der Roman ist also eigentlich Ihr Debüt?

Green: Er ist gleichzeitig mein erstes Buch und mein viertes. Ich habe die anderen dazwischengeschoben, weil ich jahrelang nicht vorankam.

ZEIT: In dem Roman gibt es eine Figur, die, ähnlich wie Sie heute, mit Fanpost überschüttet wird...

Green: Peter van Houten. Er ist der Autor eines Romans, den meine Hauptfigur, Hazel, immer wieder liest, weil sie sich darin wiederfindet. Einen solchen Roman habe auch ich zu schreiben versucht. Und natürlich habe ich es darauf angelegt, dass die Leser eine Verbindung zwischen mir und Peter van Houten herstellen...

ZEIT: ...der ein alkoholabhängiger, depressiver Zyniker ist!

Green: Ja, er enttäuscht als Mensch alle Erwartungen, die an ihn gerichtet sind. Und doch ist er die Figur in diesem Roman, die mir am nächsten ist. Peter van Houten ist das, was ich in meinen schlimmsten Momenten zu werden fürchte: ein herzloser Mensch ohne jedes Mitgefühl, der glaubt, dass es völlig okay ist, grausam zu sein, solange es sich ehrlich anfühlt. Ich verabscheue es, wenn Menschen unter dem Vorwand der Aufrichtigkeit andere verletzen. Peter van Houten ist die absolute Albtraumversion meiner selbst.

ZEIT: Ihre Charaktere sind fast immer leidenschaftliche Leser. Waren Sie das als Teenager auch?

Green: Ich lese viel, habe es schon als Teenager geliebt. Und ich liebe es, über Leser zu schreiben. Menschen, die lesen, haben eine so reiche Beziehung zur Welt. Sie betrachten das Leben nicht nur durch ihre eigenen Augen, sondern auch durch die Augen all derer, über die sie gelesen haben.

ZEIT: Gab es einen Autor, der dieselbe Bedeutung für Sie hatte wie Peter van Houten für Hazel?

Green:David Foster Wallace mit seinem Roman Unendlicher Spaß. Ich weiß noch, wie wütend ich wurde, als das Buch zu Ende war. Weil ich es geliebt habe, weil es zu mir gesprochen hat. Es fühlte sich tatsächlich so an, als würde David Foster Wallace mich verstehen. Er war für mich, es ist nicht leicht zu beschreiben, er war, ja – fast eine gottähnliche Gestalt für mich als Teenager.

ZEIT: Hazel schreibt an Peter van Houten, immer wieder. Sie will von ihm wissen, wie es nach dem Ende seines Romans weitergeht. Schicken auch Ihre Leser Ihnen solche Fragen?

Green: Ja, ich habe viele solcher Briefe bekommen. Das Ende eines Buches kann sich wie ein kleiner Tod anfühlen, und ich verstehe, dass Leser erwarten, dass es ein Leben nach dem Tod, nach der letzten Seite gibt.