Eine Straßenecke mitten in Gardendale, einem 220-Einwohner-Dörfchen im Westen von Texas: 50 Meter links davon steht eines der typischen einstöckigen Vorstadthäuser mit breiter Zufahrt zum Carport, 50 Meter rechts steht ein weiteres Haus, dazwischen ragt ein Bohrturm in den stahlblauen Himmel. Der Dieselgenerator rattert auf Hochtouren, das Gestänge quietscht, Trucks liefern Wasser und Material. Nur einen Steinwurf entfernt wohnt Joe Paul Wood. "Nachts kann ich nicht schlafen", klagt er, "es stinkt ständig nach Abgas. Neulich gab es sogar einen Alarm, weil Schwefelwasserstoff ausgetreten war."

Seit drei Jahren geht das bereits so. Hat der Bohrtrupp die Pumpen und Auffangbehälter für die Förderung installiert, zieht er ein Stück weiter, die Straße hinunter, zum nächsten Standort. Der mit Chemikalien, öligen Gesteinsresten und rostigen Stahlteilen vermischte Aushub bleibt zurück. Alle 200 Meter markieren rote Fähnchen die künftigen Öl- und Gasbrunnen, mehrere Hundert sind es im kleinen Gardendale.

Die Anwohner sind machtlos, denn Ölfirmen haben die Bodenschätze unter ihren Grundstücken günstig aufgekauft, als noch niemand hier damit rechnete, dass sich die Förderung einmal lohnen könnte. Jetzt dürfen die Unternehmen ihre Bohrtürme gesetzeskonform sogar in Vorgärten aufstellen, wenn das der beste Platz ist, um die Bodenschätze zu heben.

"Für die Öl- und Gasindustrie ist das fantastisch", sagt Wood bitter. "Uns raubt Fracking das Land und das Leben."

Hydraulic Fracturing , kurz Fracking, hat die Energiewirtschaft der USA in einen Rausch versetzt . Schon wird es in 29 der 50 Bundesstaaten genutzt, um Schiefergesteinsschichten in ein- bis fünftausend Meter Tiefe mit hohem Wasserdruck aufzusprengen. Quarzsand und chemische Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die haarfeinen, aber Dutzende Meter langen Risse über Jahrzehnte für den Abtransport von Öl und Gas offen bleiben. Damit genügend Risse entstehen, muss die Bohrung tief in der Erde um 90 Grad abknicken und horizontal durch das Schiefergestein gefräst werden.

Die erforderliche Technik ist erst seit wenigen Jahren so günstig, dass sich ihr Einsatz lohnt. Doch bereits jetzt sind die Folgen dramatisch. Der Erdgaspreis ist in den USA auf ein Drittel des europäischen Niveaus gefallen. Schon in wenigen Jahren dürfte das Land vom Gasimporteur zum -exporteur werden. Beim Erdöl werde etwa im Jahr 2030 die Selbstversorgung der USA möglich, schätzt die Internationale Energieagentur.

Die Euphorie wirkt ansteckend. Auch Südafrika, Argentinien und China wollen ihre enormen Schiefervorkommen nutzen. In Europa haben vor allem die Ukraine, Polen und Frankreich größeres Potenzial. Sogar Deutschland könnte seinen Erdgasbedarf zehn bis 25 Jahre lang voll aus eigenem Schiefergas decken, hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe errechnet.

Drohen jetzt auch in Hessen und Niedersachsen texanische Verhältnisse? Landauf, landab grassiert die Angst davor. "Gegen Gasbohren" heißt ein Zusammenschluss von über 30 Bürgerinitiativen. Vom niedersächsischen Völkersen über das westfälische Drensteinfurt bis ins bayerische Breitbrunn protestieren sie gegen jede neue Erdgasbohrung, angefeuert von den spektakulären Bildern im Dokumentarfilm Gasland . Ein Mann hält dort ein Feuerzeug an seinen Wasserhahn, daraufhin zerplatzt ein Feuerball. Der erschrockene Kameramann ruft: "Jesus Christ!"

Ähnliche Reflexe zeigt die deutsche Politik. Die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf hat ein Moratorium über das Schiefergas-Fracking verhängt . Das Umweltbundesamt fordert nach einem umfangreichen Gutachten die Einführung verbindlicher Umweltverträglichkeitsprüfungen und Fracking-Verbote in Wasserschutzgebieten. Bundesumweltminister Peter Altmaier plädiert für strenge Auflagen zur "Ausräumung sämtlicher Bedenken" . Für den 3. Dezember hat er zu einem Expertenforum nach Berlin geladen, um die Grundlagen für eine bundesweite Regelung zu erarbeiten.

Der Benzol-Grenzwert im Boden war um das 40-Fache überschritten

Bisher ist die Genehmigung Ländersache. So sieht Niedersachsen, wo 95 Prozent der deutschen Erdgasförderung stattfinden, keinen Handlungsbedarf. Der zuständige Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) hat die antiquierte Genehmigungspraxis durch das Landesbergamt sogar ausdrücklich bestätigt – ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und ohne grundsätzliches Fracking-Verbot für Wasserschutzgebiete.

Trotzdem ist das Schiefergas-Fracking in Deutschland bisher erst an einem einzigen Bohrloch erprobt worden, und das schon vor vier Jahren im niedersächsischen Damme. Gefördert wurde dabei nichts. ExxonMobil wollte bei der Probebohrung lediglich geologische Erkenntnisse sammeln. Seitdem hält sich die Industrie zurück. Selbst konventionelle Erdgas- und Erdölbohrungen sind in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht mehr gefrackt worden. Die Fördermengen gehen deshalb bereits zurück.

Zweifel sind angebracht

Rund 300 Fracks gab es in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland, vor allem um müden Quellen neuen Schub zu geben. Gern verweist die Industrie darauf, dass es dabei nie zu Problemen gekommen sei. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen dieser bewährten Technik und den neuen Verfahren beim Fracken von Schiefergestein. Die Menge des Wasser-Chemikalien-Gemischs muss dafür etwa hundertmal so groß und der Druck, mit dem es in das Bohrloch gepresst wird, wesentlich höher sein. In Europa wird das bisher nirgendwo praktiziert.

Wer Schiefergas-Fracking in der Praxis sehen will, muss in die USA reisen. In 25.000 Bohrlöchern wurde es dort bereits angewandt, täglich kommen neue dazu. Zum Beispiel bei Drilling Rig 205 am Rand von Gardendale, Texas. Der Chef auf dem Bohrturm heißt Wylie Stokes. Seit 20 Jahren arbeitet der Kalifornier mit der Statur eines Gewichthebers auf texanischen Ölfeldern. Dreck und Gestank machten ihm nichts aus, sagt er. "Ich mache jedes Jahr einen Gesundheits-Check, und noch nie hat mir irgendwas von dem geschadet, womit ich hier draußen hantiere."

Hinter dem Turm mit dem kreischenden Gestänge sprudelt das Abwasser aus dem Bohrloch in offene, mit Plastikfolie ausgekleidete Gruben. Bis zum Ende des Fracking-Prozesses kommen rund zehn Millionen Liter zusammen. Die zugesetzten Chemikalien sollen die Fließgeschwindigkeit erhöhen und Keime abtöten. Sie machen weniger als zwei Prozent der Gesamtmenge aus. Dennoch bleiben meist rund 200 Tonnen davon zurück, wenn das Wasser nach wenigen Wochen aus den Becken verdunstet ist. Dazu kommt der Abraum aus den durchbohrten Gesteinsschichten, der stellenweise mit natürlichen Schwermetallen und Kohlenwasserstoffen belastet ist.

Ben Shepperd, der Präsident des lokalen Ölunternehmerverbands, sieht darin kein Umweltproblem. "Wenn wir fertig sind, begraben wir den Abraum in drei bis vier Meter Tiefe unter einer Erdschicht", erklärt er. Dann verschwinde er, "ungefähr so wie die Füllung in einer zugeklappten Tortilla". Als Spielplatz sei der Ort zwar nicht gerade geeignet, aber er sei auch keine Giftkippe.

Worum es sich bei dem Chemikaliengemisch genau handelt, betrachten die Bohrunternehmen als Betriebsgeheimnis. Kein Gesetz verlangt, dass sie die Zutaten und Mengen ihrer Mixturen offenlegen, die sie zum Fracken einsetzen. Von den mehr als 700 Stoffen, die einem Kongressausschuss als mögliche Bestandteile gemeldet wurden, sind viele giftig.

Shane Leverett wollte genau wissen, was nach dem Ende der Bohrarbeiten auf seinem Grundstück zurückgeblieben war. Der drahtige Endfünfziger hat sein ganzes Leben in Gardendale verbracht und lebt selbst vom Ölgeschäft, eigentlich hat er nichts gegen Förderanlagen. Doch das Analyseergebnis war ein Schock für ihn, es hatte eine 40-fache Überschreitung des Benzol-Grenzwerts für Böden ergeben. Der aromatische Kohlenwasserstoff ist krebserregend, aber natürlicher Begleitstoff von Erdöl. Gerät Benzol ins Grundwasser, wird dessen Nutzung untersagt. "Unser Grundwasser ist nur 15 Meter von der Unterkante der Altlasten entfernt", sagt Leverett.

Mit einer Unterstützung durch die Behörden rechnet in Gardendale niemand. In Texas gibt es für die Überprüfung von 250.000 Öl- und Gasbrunnen 400 Inspektoren. Bohrturmchef Stokes lacht bei der Frage nach staatlicher Kontrolle. "Ein Inspektor? So einen haben wir hier noch nie gesehen." Auf den texanischen Ölfeldern gilt das Recht des Stärkeren, hier herrscht noch echter Wilder Westen.

Selbst von Exxon bestellte Gutachter warnen vor Umweltschäden

Kann man daraus etwas für die deutsche Diskussion lernen? ExxonMobil-Sprecherin Ritva Westendorf-Lahouse winkt ab. "Hierzulande sind die Standards der Industrie sehr viel höher", versichert sie. Alle Bohrplätze müssen versiegelt, Abraum und Abwasser ordnungsgemäß entsorgt werden. Das werde auch kontrolliert. Von einem unabhängigen Expertengremium hat Exxon Deutschland eine Risikostudie zum Schiefergas-Fracking anfertigen lassen. An deren Kriterien für den Grundwasserschutz werde man sich halten. Deshalb hat Exxon zwei bereits begonnene Erkundungen in der Nähe von Heilwasserschutzgebieten bei Osnabrück wieder eingestellt.

Auch die vom Land NRW und vom Umweltbundesamt beauftragten Gutachter halten ein sicheres Schiefergas-Fracking hierzulande für möglich. Neben der kontrollierten Entsorgung an der Oberfläche gehört dazu vor allem die sichere Abdichtung der Förderrohre, die grundwasserführende Schichten durchqueren. Ob die im Film Gasland gezeigten brennenden Wasserhähne überhaupt eine Folge des Schiefergas-Frackings sind, ist allerdings zweifelhaft. Schon bei konventionellen Bohrungen kommt es in den USA immer wieder zu Abdichtungsproblemen. Wer dann in der Nähe eines privaten Wasserbrunnens bohrt, muss damit rechnen, dass auch Gas sprudelt, wenn er in der Küche den Hahn aufdreht.

Die deutsche Risikodiskussion wird drüben aufmerksam verfolgt. Vier Bundesstaaten im Nordosten der USA haben Schiefergas-Fracking vorerst verboten. Die nationale Umweltbehörde EPA will bis 2014 ein umfangreiches Gutachten vorlegen. Gut möglich, dass die Bedingungen für sicheres Gewinnen von Schieferöl und -gas bald geklärt sind.

Die angebliche Klimafreundlichkeit von Methan wird so zum Märchen

Aber dient deren Förderung auch, wie offiziell behauptet, dem Klimaschutz ? Daran gibt es immer mehr Zweifel. Zwar ersetzt das superbillige Erdgas in den USA zunehmend dreckige Kohle in der Stromerzeugung. Die CO₂-Emissionen pro Kilowattstunde sinken dabei vordergründig um die Hälfte. Vor allem deshalb haben die USA beim CO₂-Ausstoß derzeit den niedrigsten Wert seit 30 Jahren erreicht. Doch billiges Gas bremst auch den überfälligen Umstieg auf erneuerbare Energie. Vor allem aber führt der Erdgasboom zu steigenden Methanemissionen. Und Methan hat nach jüngsten Berechnungen einen über 30-mal so starken Treibhauseffekt wie CO₂.

Der Umweltingenieur und Klimagasexperte Anthony Ingraffea von der amerikanischen Cornell University warnt vor dem rasch ansteigenden Methanausstoß der USA: "Inzwischen stammt bereits die Hälfte der Emissionen aus Lecks bei der Öl- und Gasförderung." Entweichen drei Prozent der geförderten Gasmenge, verdoppelt das bereits den Treibhauseffekt, den ihr Gebrauch insgesamt verursacht. Die US-Industrie behauptet, ihre Methanleckagen würden nur ein Zehntel der postulierten Menge betragen, sie lägen im Promillebereich. Doch Zweifel sind angebracht, weil es keine unabhängigen Untersuchungen gibt über den Verlustumfang, der von Erdgasbohrung bis zum Verbraucher entsteht. Ingraffea hält deshalb dagegen und schätzt: "Im besten Fall ist der Ersatz von Kohle durch Erdgas ein Nullsummenspiel für das Klima."

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Bilanz des Öko-Instituts in Deutschland , pikanterweise erstellt im Auftrag von Exxon. Bei der Nutzung besonders tief liegender Schiefergasvorkommen liege der Treibhauseffekt sogar um 50 Prozent höher als bei Importkohle, schätzt das Öko-Institut. Hauptgrund: Das Anbohren und Fracken von Schiefergestein in fünf Kilometer Tiefe verschlingt sehr viel Energie. Und die wird am Bohrplatz in aller Regel mit Diesel erzeugt. Viel Diesel verbraucht auch der Schwerlastverkehr für die An- und Abfuhr der Bohrmaterialien.

Exxon lässt sich von solcher Kritik nicht abschrecken. Beispielsweise könne man beim Bohren statt Diesel künftig ja auch Ökostrom einsetzen.

Solche Töne sind in Texas nicht mehr als ferne Zukunftsmusik. Die Ökonomie überrollt die Ökologie, aber nicht nur hier. Bereits werden weltweit Milliarden investiert in Häfen und Gastanker, um den billigen Stoff zu exportieren – auf dass auch der Rest der Welt teilhaben kann am großen Energierausch.

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Erratum vom 29.11.2012
In unserem Bericht über die neue Gasfördertechnik Fracking hieß es zur Genehmigungspraxis, hier sehe "Niedersachsen keinen Handlungsbedarf". Der zuständige Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) habe "die antiquierte Genehmigungspraxis durch das Landesbergamt sogar ausdrücklich bestätigt – ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und ohne grundsätzliches Fracking-Verbot für Wasserschutzgebiete". Dies ist leider nicht korrekt. Das Niedersächsische Wirtschaftsministerium stellt klar, dass sich Niedersachsen seit September 2011 in einer Bundesratsinitiative für eine zwingende Umweltverträglichkeitsprüfung bei der Gasförderung einsetzt. Zudem herrschen seit dem 31. Oktober in Niedersachsen Fracking-Verbote unter anderem für Wasser- und Heilquellenschutzgebiete sowie für erdbebengefährdete Gebiete.