Lila verfärbter Rosenkohl, zu klein geratene Erdbeeren, krumme Gurken, etwas mehr Erde an Kartoffeln und Erbsen – so präsentieren sich derzeit die Obst- und Gemüseabteilungen der britischen Supermarkt-Kette Sainsbury’s. Dabei handelt es sich nicht etwa um Bioware, sondern um konventionell erzeugte Feldfrüchte.

Der Grund für diese seit Ende September gelockerten Ansprüche an das Aussehen von Obst und Gemüse: Auf der Insel war das Wetter dieses Jahr besonders schlecht. Die britischen Bauern durchlitten den trockensten März seit knapp 60 Jahren, danach folgte der regenreichste Juni seit Wetteraufzeichnung, zudem haben Herbststürme einen Großteil der Ernte zunichte gemacht. 20 bis 45 Prozent weniger Rosenkohl, Erbsen, Karotten und Kartoffeln haben die Bauern im Vergleich zu normalen Jahren geerntet. Und was nicht auf dem Acker verdarb, gedieh kleinwüchsig oder krumm. Sainsbury’s macht aus der Not eine Tugend und verkauft das nicht der Norm entsprechende Gemüse etwas billiger unter dem Motto We love ugly fruit and veg – "Wir lieben hässliches Obst und Gemüse". Voraussetzung sei jedoch, dass der Geschmack stimme, erklärte Judith Batchelar von Sainsbury’s gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian. Zwei weitere britische Supermarktketten haben Ähnliches vor.

Fair-Trade- und Verbraucherorganisationen sind voll des Lobes. Lebensmittel wegzuwerfen sei schließlich moralisch verwerflich und erhöhe zudem die Preise an der Ladentheke. Schätzungen zufolge landen 20 bis 40 Prozent der Ernte europaweit nicht im Handel, weil das Gemüse nicht den Ansprüchen der Supermärkte und der Verbraucher genügt. Der fordert in der Regel gerade Gurken und polierte, fleckenlose Äpfel.

Hingegen erlaubt die EU-Vermarktungsnorm seit Juli 2009 etwa für Aprikosen, Artischocken, Karotten, Spargel, Kohl, Zucchini oder Gurken diverse äußerliche Macken. So dürfen Gurken inzwischen auch gekrümmt in den Handel kommen. Spargel kann lila verfärbt sein und muss nicht zwingend kerzengerade wachsen. "Der deutsche Verbraucher nimmt das aber nicht an", sagt Raimund Esser, Unternehmenssprecher bei REWE. Versuche mit fleckigen Äpfeln und zu klein geratenen Erdbeeren gab es bei REWE bereits. Zwar beteuern die Kunden, dass die Form ihnen nicht so wichtig sei. Gekauft wurden die Äpfel und Erdbeeren aber nicht, so Esser. Obwohl sie wie bei Sainsbury’s günstiger waren. Nur der Biokunde ist toleranter, was das Aussehen der Feldfrüchte anbelangt, glaubt Esser.

Auch bei der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse e. V. (BVEO) bestätigt man die fehlende Nachfrage nach der sogenannten B-Ware: "Der Endverbraucher bevorzugt die gerade Gurke", sagt Verbandssprecher Karl Voges. Lediglich auf Wochenmärkten und "ab Hof" könne man Obst und Gemüse feilbieten, das äußerlich nicht perfekt sei. Ein verbleibender Teil landet in der lebensmittelverarbeitenden Industrie, zum Beispiel im Kartoffelsalat. Der Rest wird weggeworfen. Beim Beispiel der Gurke sind das zwar nur rund fünf Prozent, andere Feldfrüchte sind jedoch nicht so gut weiterzuverwerten.

Warum sich der Verbraucher so verhält, ist bislang nicht untersucht worden. "Vermutlich liegt es an 20 Jahren Gewöhnung", meint Rewe-Sprecher Esser. Das heißt: Die bis 2009 geltende strenge EU-Vermarktungsnorm hat die Erwartungen der Verbraucher geprägt. Die Einteilung in Feldfrüchte der Handelsklassen 1, 2 und 3 suggeriert, dass die 1-Ware insgesamt besser ist. Das ist jedoch nicht richtig, schließlich sind die unförmigen Feldfrüchte oft aromatischer und gesünder, wie Untersuchungen des Julius-Kühn-Instituts in Quedlinburg ergeben haben. "Wegen des Gewöhnungseffektes haben es Anbieter aber heute schwerer, zum Beispiel Äpfel zu verkaufen, die nicht frei von Stellen sind", meint auch Martin Rückert von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Doch nicht nur die Kunden hängen an der 1a-Ware. Auch der Handel profitiert von standardisierten Wuchsformen. "Zehn gerade Gurken lassen sich platzsparender verpacken und liefern als zehn krumme", sagt Verbandsvertreter Voges.

Besonders strenge Regeln gelten weiterhin für die zehn umsatzstärksten Obst- und Gemüsearten der EU, die 75 Prozent des Handelswertes ausmachen: Äpfel, Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Kiwi, Salate, Pfirsiche und Nektarinen, Gemüsepaprika, Tafeltrauben, Tomaten. Mit Makeln behaftete Exemplare dürfen nur in den Handel, wenn sie besonders gekennzeichnet werden, etwa: "zur Verarbeitung bestimmt". Landwirtschafts- und Verbraucherministerin Ilse Aigner setzt sich derweil bei der EU dafür ein, auch diese Vermarktungsnormen abzuschaffen, damit die Lebensmittelverschwendung endlich eingedämmt wird.