Ein Land auf dem Weg zur Demokratie: So beschrieb Entwicklungsminister Dirk Niebel Anfang dieser Woche Afghanistan, zwei Jahre vor dem Abzug der deutschen Kampftruppen. Niebels Lob fügt sich perfekt in das rosige Bild, das die Regierung seit Wochen von dem Einsatz am Hindukusch zu zeichnen versucht.

Bei seinem jüngsten Besuch in Kabul pries Verteidigungsminister Thomas de Maizière die "sehr gute" Qualität der afghanischen Armee. Dass er kurz zuvor mit einem Airbus und nicht wie sonst mit der gepanzerten Transall im Feldlager landete, verkaufte er als "Zeichen für die bessere Sicherheit". Dass Ende Oktober zwei Standorte geschlossen wurden – auch das ein Beweis für den Erfolg des Einsatzes. Sie seien nun nicht mehr nötig, hieß es. Weil die Afghanen inzwischen allein die Bevölkerung schützen könnten. Dass man irgendwann einfach anfangen muss, Lager zu schließen, wenn in zwei Jahren die meisten Soldaten das Land verlassen sollen, darüber schwieg man lieber.

Denn so gut, wie die Regierung sich die Lage in Afghanistan malt, ist sie nicht. Experten der amerikanischen Organisation International Crisis Group warnten bereits Anfang Oktober: Armee und Polizei seien überfordert, es bestehe die Gefahr, dass nach dem Abzug die Regierung in Kabul zusammenbrechen könnte. Der Bundesnachrichtendienst ist ähnlich pessimistisch. Laut dem Spiegel werden einem internen Papier zufolge die Anschläge auf westliche Soldaten künftig eher zunehmen. Und dort, wo die Bundeswehr abgezogen ist, erstarken wieder die Taliban.

Mit de Maizières "Alles läuft nach Plan"-Rhetorik ist niemandem geholfen: Nicht den Abgeordneten, die demnächst über ein neues Mandat abstimmen werden; nicht den Soldaten, die sich fragen müssen, ob ihr Minister noch von dem gleichen Afghanistan spricht, in dem sie ihren Einsatz geleistet haben.

Am allerwenigsten aber hilft es den Afghanen selbst. Deren Soldaten und Polizisten brauchen zwei Jahre vor dem Abzug der internationalen Kampftruppen kein falsches Lob, sondern mehr Unterstützung. Die Bundesregierung sollte deshalb die Missstände klar benennen und versuchen, sie zu beheben. Nur dann kann der Verteidigungsminister das Ziel erreichen, das er bei jeder Gelegenheit hervorhebt: mit dem Abzug seiner Truppen nicht den Sinn des kompletten Einsatzes zu gefährden.