Wenn eine Sängerin als Stiefschwester von Julian Lennon und folglich weitläufige Verwandtschaft des Songwriter-Gottes John Lennon vorgestellt wird, geht ein großes Fenster der Erwartungen auf. Man denkt an die Beatles und Imagine – und ist erst einmal überrascht, es mit einer schwarzen Folk-Soul-Chanteuse aus Toronto zu tun zu bekommen. Dabei wäre der Hinweis komplett überflüssig gewesen: Chloe Charles weiß von ganz allein zu überzeugen. Die Songs ihres Debütalbums Break The Balance sind von einer Delikatesse und Eigenständigkeit, als wollten sie dem Hörer im Vorübergehen zuwispern: Trau dich ruhig, ein bisschen kompliziert zu sein. Um das Komplizierte dann ungemein natürlich über die Rampe zu bringen.

Experimente, so die Autodidaktin und ehemalige Psychologiestudentin, bewahrten sie nun einmal vor Langeweile, und nichts sei langweiliger, als andere zu kopieren. Nein, all die Vergleiche mit Joni Mitchell, Feist oder Joanna Newsom in Ehren: Charles’ helle Kopfstimme und die leicht verzickten, von Geigen-Stakkati, Cello-Brummen und akustischen Gitarren untermalten Arrangements entwickeln eine ganz eigene, nervöse Aura. Statt aufs Eingängige zu spekulieren, sind sie von einer elektrischen Unterkühltheit, die zunächst so gar nicht zur Anmutung von Chloe Charles als üppiger Hippie-Braut passen will. "Demons rock me from the inside of my body" , singt sie im Titeltrack, und das ist mehr als so dahingesagt: Immer wieder schleicht sie um die dunklen Ränder der Seele, selbst beim feenhaften Soon On A Snowflake sind die Schatten zu spüren.

Charles’ erklärtes Vorbild? Björk! Und tatsächlich, deren pantheistische Spiritualität klingt durch, wenn sie, mal bloß vom Geiger Davide Santi, mal von einer Folk-Combo im Stop-and-go-Rhythmus begleitet, die dunklen Wälder Kanadas durchstreift. Kein Zufall, dass die kleine Chloe das Singen am Teich ihres Großvaters erlernt haben will: Auf Break The Balance gibt es viel Naturmystik, Gott kommt als Kröte zu uns und die Soulsängerin als Schamanin – Let’s Get Naked! Aber auch diese offensiv vorgetragene Einladung bleibt vertrackt, denn das scheinbar Simple ist hier soundtechnisch wie kompositorisch mit allen Wassern gewaschen. Schon Oscar Wilde wusste: "Die einfachen Dinge sind der letzte Trost komplizierter Menschen."