Wohin diese konzessionslose Einstellung führen kann, beweist die Neuaufnahme von Johann Sebastian Bachs Motetten. Das Niveau des Chorgesangs erreicht eine beinahe olympische Einsamkeit, aber neben dieser lupenreinen Virtuosität ist da auch eine klangrednerische und theologische Kompetenz, eine Lust an der Aussprache, die einem den Atem nimmt. Den Beginn der Motette Komm, Jesu, komm hat man noch nie so flehend und lockend zugleich gehört, sie dringt aus der Stille der Sehnsucht und maximalen Bedürftigkeit nach Erlösung an unser Ohr und unser Herz. Dagegen jubelt Singet dem Herrn ein neues Lied mit fast waghalsiger Brillanz durch die Koloraturen. Ja, Singen ist für Gardiner immer Sport, nicht nur Leibesertüchtigung – auch dies eins der zehn Gebote seines Musikerlebens.

Der in den Augen seiner Bewunderer frühvollendete Sir John hat in seinen europäischen Wanderjahren indes einige Korrekturen an seiner Sicht auf die Dinge vorgenommen. Die eindringlichste war gewiss seine Zeit als Chef der Opéra de Lyon (1983 bis 1988). Damals entdeckte Gardiners ironisch geäderte anglikanische Gesittung den romantischen Impetus, den Rausch der Farben und die Klarheit ihrer Mischungen. Dass diese klangästhetische Definition überraschenderweise in seinen Umgang mit der deutschen Romantik eindringen würde, zeigt sich in seiner ebenfalls in diesem Jahr vorgelegten Einspielung von Johannes BrahmsDeutschem Requiem . In zahllosen Momenten klingt sie wie eine verwegen-raffinierte Mischung von Gabriel Fauré und Hector Berlioz – hier ein dunkel strömender sakraler Fluss, dort eine pointillistische, fast laboratorische Addition von Effekten. Wann hört man schon, dass Brahms in der Originalpartitur zwei Harfen anfordert? Abermals singt der Monteverdi Choir mit einer Schönheit, Süße und Schlagkraft, dass man die Ohren anlegt. Der Sieg, den er einfährt, ist größer als einer über Löwen – es ist der Triumph der menschlichen Stimme über den Stachel des Todes, den Schrecken der Hölle.

Momentan hat der Chor Pause, nachdem er vergangene Woche die Missa solemnis zum Ende der Tournee in der Carnegie Hall gesungen hatte. Für die Sänger bedeutet das, frei nach Johannes Brahms’ Totenmesse: Sie ruhen von ihrer Arbeit, doch ihre Werke folgen ihnen nach. Sir John steht derweil in North Dorset bei den Kühen, während draußen seine Gattin den Kopfhörer aufsetzt und zu Bach durch die Landschaft trabt.