Putsch! Mafia! Lügner! Faschisten! Nicolas Sarkozys ehemalige Regierungspartei UMP liefert sich eine Schlammschlacht. Beleidigungen als Aufmachermeldungen im Fernsehen, Liveblogs im Internet. Alles dreht sich um die Frage: Wer wurde am 18. November zum Parteichef gewählt? "Ich", ruft Jean-François Copé, seit zwei Jahren Generalsekretär der Partei. "Niemand!", entgegnet sein Konkurrent François Fillon, Premierminister während der Amtszeit Sarkozys. Die Diadochen werfen einander Betrug vor; einig sind sie sich darin, dass die Wahlkommission bizarre Fehler gemacht hat. Vermittlungsversuche scheiterten; die Schiedskommission der Partei, von den "Fillonisten" boykottiert, sprach Copé am Sonntag den Sieg zu. Woraufhin Fillon am Dienstag eine eigene Fraktion im Parlament gründete und drohte, vor Gericht zu ziehen, sollte es nicht zu Neuwahlen kommen.

Copé und Fillon können sich nicht ausstehen. Fillon, der stets jemanden braucht, über den er sich empören kann, wurde von Copé, der stets jemanden braucht, den er beißen kann, während seiner Amtszeit als Premier bestens bedient. Aber ist es nur das? Unter den Sekundanten beider Seiten sind sämtliche Strömungen der UMP vertreten, und doch wird aus dem Duell gerade ein Kampf zweier Linien.

Das ergibt sich aus der Dynamik der französischen Politik. Wer im Élysée wohnt, vereinigt den Löwenanteil der Macht auf sich. Weshalb es in jeder Politikergeneration ein Dutzend wild Entschlossener gibt, die um die Krone kämpfen. Dafür brauchen sie einen Apparat: die Partei. Das ist der Kern des jetzigen Konflikts. Wer sich heute der UMP bemächtigt, kann mit ihr 2017 in den Präsidentschaftswahlkampf gehen.

Um zu erobern, muss man etwas anbieten. Fillon, Typ Provinznotar, hat so etwas: seinen Stil. Sachlichkeit, Ernst, Würde. Damit kann Copé, Typ Kampfroboter, nicht konkurrieren. Also konstruierte er sich als inhaltliche Alternative: als Wirtschaftsliberaler – und als jemand, der auf gesellschaftlichem Feld weit rechts Position bezieht. Eine Optik, die seinen Konkurrenten wiederum als Mann der Mitte aussehen lässt. Und wie das so ist in der Politik: Aus einem Haarriss kann, wenn eine Machtdynamik auf ihn einwirkt, eine Kluft werden. Zumal, wenn die Einheit künstlich war – wie in der UMP, dieser Ansammlung von Konservativen und Liberalen, von Souveränisten und Globalisierern. Das platzt nun alles auf.

Nutznießer der Krise gibt es etliche: die Regierung, der in Zukunft niemand mehr Amateurismus vorwerfen wird; die dahindümpelnden Parteien der Mitte, die Zulauf von enttäuschten Anhängern der UMP bekommen werden; den Hollande-Flügel der Sozialistischen Partei, der sich mit einer solchen Mitte gern verbünden würde; die junge Führungsreserve der UMP; den rechtsradikalen Front National, der vom Zerfall der Systempartei UMP spricht – und Sarkozy. Ihn sehnt die Parteibasis als Retter herbei. Eine Rolle, die ihm gefallen könnte. Nur jetzt noch nicht. Sein Eventualehrgeiz für die Präsidentschaftswahl 2017 gebietet es ihm, abzuwarten und jede Abnutzung bis dahin zu vermeiden. Weshalb er es zurzeit vorzieht, sichtbar unsichtbar auf den Konflikt einzuwirken, als Mann des Maßes, ausgerechnet er.

Wie geht es weiter? Womöglich mit Neuwahlen in der UMP. Copé will sie, wenn überhaupt, so spät wie möglich, um bis dahin Legitimität aufzubauen. Folglich will Fillon das Gegenteil.

François Hollande schiebt unterdessen Sprengstoff nach. Er will Elemente des Verhältniswahlrechts für das Parlament einführen. Das würde bedeuten: Mehr Abgeordnete für Zentrumsparteien und den Front National. Was dazu beitragen würde, dass die Rechte sich weiter zerlegt – natürlich nur, um sich in neuer Formation zusammenzusetzen.