Auch wenn ihrem Sieg bei einem kleineren Wettbewerb sogar ein Auftritt mit Yehudi Menuhin am Dirigentenpult folgte – ein Steilstart in die Welt der Geigengirlies wurde nicht daraus. "Vielleicht liegt es daran, dass das eigentlich Geigerische mich nicht so interessiert. Es hätte locker auch ein anderes Instrument sein können." Freilich fand sie sich auf der Geige so gut zurecht, "dass ich mich relativ früh auf anderes konzentrieren konnte als auf die Technik". Ihrem Lehrer Christoph Poppen in Detmold war das alles ein bisschen "zu natürlich und instinktiv". Er bat die Jungstudentin, Mozart einmal komplett ohne Vibrato auszuprobieren, und vermittelte ihr: "Es wäre gut, auch den Kopf einzuschalten."

Wer den eigenen Kopf etwas entnebeln will, sollte hören, wie Isabelle Faust das Double der Corrente in Bachs h-Moll-Partita spielt, ein auskomponiertes Ornament. Die rasenden Sechzehntel, schwerelos aus den Saiten geholt, hier und da dezent gegliedert, schlagen um in einen eisig klaren Denkraum, eine über sich hinausdrängende Abstraktion, absolut modern. Es ist, als sähe man Bach mit unentzifferbarem Lächeln auf einem Plateau, für dessen Erstbesteiger sich der frühe Pierre Boulez gehalten haben mag. Und die Bourrée? Meist werden ihre Akkorde so geknetet, dass das Stück nicht recht vom Fleck kommt. Faust reißt sie so kurz an, dass es zuerst fast ein bisschen zickig, dann aber geradezu ironisch klingt.

Unteutonisch, könnte man sagen bei einer, die neun Jahre in Paris gewohnt hat. "Ich wollte endlich einmal außerhalb von Deutschland leben!" Sie zog 1996 hin, als beim französischen Label Harmonia Mundi gerade ihre erste CD erschienen war, mit Musik von Béla Bartók . "Die Franzosen bleiben gern unter sich, der deutsche Musikmarkt ist da offener. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich akzeptiert war. Da hat es wohl nicht geschadet, dass mich wegen meines Vornamens viele für eine Französin hielten." Diese Isabelle nahm man dann sogar als Interpretin des großen Franzosen Gabriel Fauré ernst, von dem sie neben der gängigen frühen auch die abgründige späte Violinsonate einspielte – eine der besten Aufnahmen dieses Stücks, dessen Glücksmomente bei Faust immer auch etwas Geistiges haben.

Auch für André Jolivet hat sie sich eingesetzt, den 1974 gestorbenen Meister spirituell leuchtender Farben und Linien, der freilich der Nachkriegsavantgarde als rückständig galt. Seit ihrer Aufnahme seines Violinkonzerts von 1972 hat Isabelle Faust es nie wieder gespielt, "sehr schade! Er ist extrem schwer an den Mann zu bringen. Er war in Frankreich verpönt, auch durch den Einfluss der Clique um Pierre Boulez. Heute würde Boulez keinem mehr den Garaus machen, er ist ein extrem sympathischer Mensch. Aber er hatte eine Macht, die in Deutschland schwer denkbar ist. In Frankreich geht alles von Paris aus. Es gibt die oberen Köpfe, und der Rest des Landes muss kuschen."

In Paris lernte sie ihren Mann kennen, und als der eine Stelle in Berlin annahm, zog sie mit ihm und dem gemeinsamen Sohn gen Osten. "Ich wollte gar nicht zurück nach Deutschland, merkte aber, dass Berlin gar nicht so viel mit dem Rest von Deutschland zu tun hat..." Besonders häufig ist sie allerdings nicht zu Hause bei 120 Konzerten im Jahr – "die absolute Grenze". Ihre Professur an der Universität der Künste hat sie aus Zeitnot längst aufgegeben, denn zu den Konzerten kommen die Aufnahmen für Harmonia Mundi. Das bislang größte Projekt war die Einspielung aller zehn Beethoven-Violinsonaten mit Alexander Melnikow. Er ist einer der wenigen Pianisten, die sich auf dem modernen Flügel der sprechenden Präzision eines Hammerklaviers nähern können.

Beethoven klingt bei ihr, als schriebe er Tagebuch

Die beiden versuchten, Beethoven vom 18. Jahrhundert her zu entdecken, mit überraschendem Effekt. Skeptisch gegenüber der Subjektivität selbst da, wo sie den Bogen knirschen lässt, entrückt uns Faust den Klassiker, man sieht ihn wie durch ein Fernrohr, das zugleich Mikroskop ist: weit entfernt, aber gestochen scharf. Umso aufregender, wenn er etwa in der Kreutzersonate auf einmal neben einem steht und die Beobachter ganz in seine Welt reißt. Ganz anders nähert er sich in Fausts Aufnahme des Violinkonzerts, die dieses Jahr herauskam. Mit Claudio Abbado und seinem Orchestra Mozart, einem Projektensemble, wird vielschichtigste Kammermusik daraus, so persönlich, sensibel, nachdenklich, als komponiere der alte Ludwig hier sein Tagebuch.

Dieser Lesart vergleichbar erfrischend ist nur der erst kürzlich erschienene Livemitschnitt eines Konzerts, in dem Thomas Zehetmair, das Ensemble Modern und der Dirigent Ernest Bour 1987 mit rasanten Tempi der Tradition entflohen – übrigens wie Isabelle Faust auch jener, als Kadenz die von Fritz Kreisler spielen zu müssen. Faust und Zehetmair haben sich für das virtuose Showpiece am Ende des ersten Satzes an Beethovens eigenen Entwurf gehalten, den er für eine Klavierfassung schuf – mit dem weit ins 20. Jahrhundert ragenden Einsatz einer dialogisierenden Pauke. Dennoch sind bei Transkription und Interpretation völlig verschiedene Ergebnisse entstanden. Zehetmair spielt wie von Dämonen getrieben, Faust legt Beethovens Experiment mit Klarheit offen.