In der Straße Merimiehenkatu steht ein Mann und verhält sich unskandinavisch. Er lungert vor einer Hauswand herum. So etwas sieht man in Helsinki selten. Seine Brille beschlägt im Nieselregen, aber er rührt sich nicht von der Stelle. Ein Meinungsforscher? Ein Zeuge Jehovas? Sein schicker Kapuzenlodenmantel spricht dagegen. Passanten bleiben stehen und sprechen den Mann an. Meist sind es Wörter wie »Pelusa« oder »Boca«. Die schreibt der Mann auf bunte Zettel und lungert dann weiter herum. Was ist das überhaupt für eine Sprache? Finnisch jedenfalls nicht.

Des Rätsels Lösung kommt daher wie ein Requisit im Volkstheater. Ein Weidenkorb schwebt herunter, abgeseilt von einer Frau aus einem Küchenfenster in der ersten Etage. Der Mann nimmt den Korb und verteilt seinen Inhalt: dampfend warme Empanadas. Dann legt er die Zettel mit den neuen Bestellungen hinein. Die Frau zieht am Seil, der Korb verschwindet, so machen sie das stundenlang.

Empanadas sind eine Spezialität der lateinamerikanischen Küche. Pasteten mit Fleisch- oder Gemüsefüllung, die aussehen wie gebackene Riesenravioli. Normalerweise fallen die nicht vom Himmel. Heute schon. Heute ist »Restaurant Day«.

Der Mann an der Hauswand heißt Perttu Jalkanen. Er hat ein Elektrounternehmen, um das er sich gerade nicht kümmert. Heute ist er der Oberkellner eines Straßenlokals ohne Tische und Stühle. Seine argentinische Frau Maria steht ein paar Meter höher als Küchenchefin am eigenen Herd. Maradonas Empanadas nennen die beiden ihr Restaurant. Nett ist das nicht. Der Extremfußballer fiel ja nach dem Ende seiner Karriere durch Leibesfülle auf. Aber was der Vordermann da isst, sieht lecker aus. Also bitte auch eine Empanada Boca. Sie ist ihre 3,50 Euro wert, schmeckt bloß nicht sehr argentinisch mit ihrer Füllung aus Mozzarella, Basilikum, Tomate und Oliven. Wahre Fans kennen den Grund: Die Boca Juniors, Maradonas Heimatverein, benennen sich nach einem italienischen Viertel von Buenos Aires. Alle Empanadas aus Marias Küche spielen auf Stationen seines Lebens an. Eine heißt Doping, eine andere Magenverkleinerung. Die ist besonders üppig mit Schinken und Käse gefüllt.

Die Finnen halten sich einiges auf ihre Verrücktheit zugute und sparen dabei das Essen nicht aus. Beliebte Lokale in Helsinki heißen Grotesk oder Bissar, Gaijin oder Los Cojones. Aber ein sarkastisches Themenstehcafé auf dem Bürgersteig eines Wohngebiets – das hat man auch hier noch nicht gesehen. Ebenso wenig wie die meisten der vierhundert anderen Restaurants, die heute in der Stadt eröffnen und abends wieder verschwinden.

Restaurant Day , das klingt banal, wenn man noch keinen erlebt hat. Wie eine dieser Lobbyveranstaltungen à la Weltlehrertag oder Tag des deutschen Biers. Es ist aber das Gegenteil: ein wilder kulinarischer Karneval, der, ausgehend von Helsinki, immer weiter um sich greift. Und hier werden gerade die Laien angesprochen. Sie sollen auch mal für Fremde kochen, nur ein paar Stunden lang. Egal, was. Egal, wo. Bloß eben zur gleichen Zeit. Zum ersten Mal passierte das vor eineinhalb Jahren im überschaubaren Rahmen. Heute, am Samstag, dem 17. November, steigt schon der siebte Restaurant Day mit über 700 Pop-up-Restaurants in 23 Ländern. Von Portugal bis Kasachstan, von Moskau bis Miami öffnen Hobbyköche ihre Wohnungstüren oder stellen sich auf die Straße. Wo die Lawine ins Rollen kam, ist nicht mehr so leicht zu ermitteln. In keiner Behörde jedenfalls und keiner PR-Agentur. Am ehesten wohl in einem Garten im Zentrum von Helsinki .

Ruttopuisto, der Pestpark, um drei Uhr morgens in der Nacht vor dem Restaurant Day. Vanha kirkkopuisto, Alter Kirchpark, heißt er im Reiseführer. Aber noch älter als die Kirche ist der angrenzende Friedhof, wo vor 300 Jahren über tausend Seuchenopfer beigesetzt wurden. Ein paar Grabsteine stehen noch auf der Wiese. Dahinter hat jemand mit Sinn für Kulissen ein Veranstaltungszelt aufgebaut. Drinnen sieht man erst mal gar nichts, nur das Glimmen von drei Zigaretten. An einer zieht Antti Tuomola, der Begründer des Restaurant Day.

Wenn man Flashmobs anzetteln kann, warum dann nicht so einen Tag?

Am Anfang, im Mai 2011, eröffneten hier im Pestpark die ersten Pop-up-Lokale. Wobei »eröffnen« schon falsche Vorstellungen weckt. Antti zum Beispiel war damals mit einer rollenden Bar aus drei Fahrrädern unterwegs. Als Veteran tritt er inzwischen etwas gesetzter auf. Sein Brunchzelt wird morgen ein paar Hundert Gäste verpflegen. Bald kommen die Lebensmittel – und der Chefkoch hoffentlich auch. »Der steckt noch drüben in einer Bar und singt Karaoke.«

Langsam gewöhnen sich die Augen ans Dunkel. Auf einem Tisch stehen Flaschen, Bier und Wein, angebrochen oder schon leer. Nur die Wasserflasche ist noch voll. Mit Wodka. Antti sitzt auf einem Klappstuhl. Er trägt eine dieser Ohrenschützermützen, wie sie im Film die Deppen tragen, und sieht ziemlich cool damit aus. Den Vater einer globalen Bewegung hätte man sich trotzdem anders vorgestellt: älter, ernster, sendungsbewusster. Vielleicht auch ein bisschen rasierter. Aber als großen Visionär empfindet er sich gar nicht. »Es war viel Zufall dabei. Ich jobbte vor Jahren bei einem Wirt, der aus seiner Bar ein Restaurant machen wollte. Er hat es aber nicht geschafft; die Behörden trieben ihn zur Verzweiflung.« Wasseranschlüsse, Dunstabzüge, Behindertentoiletten… Alles an sich ja gut und richtig. Aber wer steckt so viel Geld in einen Umbau, wenn er noch nicht einmal weiß, ob die Gäste sein Essen bestellen? »Er hätte es gern ausprobiert, und sei es nur für einen Tag.«

Dieser Gedanke ließ Antti nicht los. Er erzählte Bekannten davon, gemeinsam fassten sie einen Plan: Wenn man Flashmobs anzetteln kann, warum dann nicht so einen Tag? Es braucht nur genügend Menschen, um aus vielen Ordnungswidrigkeiten ein Volksfest zu machen. Und essen, trinken, gesellig sein, das mögen doch eigentlich alle. Sie riefen auf Facebook den ersten Termin aus und programmierten eine Website, auf der jeder sein Restaurant eintragen konnte. »Wir hofften damals, dass außer uns zumindest zwei, drei andere aufmachen würden. Es waren dann mehr als vierzig.« Anscheinend spukt in vielen Köpfen der Traum vom eigenen Lokal.

Warum man ein leeres Zelt bewachen muss, verrät später in der Nacht ein Plätschern, kaum zu hören, aber alle drei springen auf: »Schon wieder einer!« Geschrei, die Plane wölbt sich, jemand trottet maulend davon. »Finnen trinken zu viel«, sagt Antti.

Der Restaurant Day beginnt unkulinarisch mit Fummelei am Smartphone. Ohne die App mit Richtungsangaben fände man die meisten Pop-up-Restaurants gar nicht. In der Fredrikinkatu 40 muss man klingeln und Mietshaustreppen hochsteigen, ehe man, Schuhe aus, bitte, in einem riesigen WG-Wohnzimmer steht. Überall lümmeln Leute herum, wie auf einer privaten Party. Später aufräumen wird kein Spaß. »Aber wir haben gern Leben im Haus«, sagt die Schülerin Lille Santanen auf dem Weg von ihrer mediterranen Salatbar zur Gegensprechanlage; die nächsten Gäste stehen vor der Tür. Schon das macht Spaß am Restaurant Day: Man guckt hinter Fassaden (frühmoderne in diesem Fall).

Pietarinkatu 17, nahe dem Jachthafen, eine halbe Stunde später. Hier verzeichnet die App das Restaurant Fabulistic Choux Cream. Sie führt zu Jan Erikson, der etwas verloren vor einem Klapptisch mit Tupperdosen steht. Darin sind Sushi mittlerer Güte und ein herzhafter Glasnudelsalat. Jan will demnächst ein Café aufmachen; dies ist der Probelauf. Er telefoniert mit seiner Frau, der Tonlage nach nicht zum ersten Mal heute: »Komm schon runter, wir haben einen Kunden.« Sie kommt aber nicht – Lampenfieber.

Nach etwas Mühe mit der App geht es flüssiger voran. Man stößt auf andere Restaurant-Day-Besucher, manchmal buchstäblich, denn auch die haben ihr Smartphone vor der Nase. Ein guter Moment, sich Tipps zu holen oder gleich dranzuhängen.

Früher oder später landet man im Pestpark, wo auch diesmal am meisten los ist. Im Mittagslicht wirkt er gar nicht mehr unheimlich. Vor der Holzkirche mit ihrem Stummeltürmchen haben einige Hobbyköche ihre Stände errichtet. Sie brutzeln lappländische Pfannkuchen, kaviarbelegte Blini, Bulgogi Gangnam Style. Aus dem Brunchzelt dringt ein Hauch von Woodstock. Zwei Folksänger mit kupferrotem Haar singen durchaus überzeugend, alles müsse sich ändern. »Die hat unser Chefkoch aufgetrieben«, erzählt Antti. »Er kam am Morgen sturzbetrunken vom Karaoke und meinte: ›Wir kriegen Livemusik.‹ Das wird was geben, dachte ich; aber die beiden können wirklich was.«

Auf den Bierbänken hat sich eine bunte Truppe niedergelassen: ein Rasta mit Armeeparka, eine Familie mit kleinem Kind. Herausgeputzte Mädchen in bonbonfarbenen Daunenjacken, die sich beim Kaffee von einer langen Nacht erholen. Rentner mit Hund, die ihre Gassirunde unterbrochen haben. Was suchen die alle hier?

Geschmackserlebnisse jedenfalls nicht. Das Brunchbüfett ist mit Liebe, aber ohne viel Ehrgeiz zubereitet: kalte Fleischklopse in roter Soße, eine Schüssel Kartoffelsalat, saurer Hering aus dem Glas… Für zehn Euro wird man anderswo professioneller verpflegt. Gerade darin liegt aber wohl der Charme dieses Restaurants: Man fühlt sich wie bei Freunden, die mal schnell ein paar Sachen aufgetischt haben. Es achtet auch niemand ernstlich darauf, ob man sein Geld in den Kassenpappbecher stopft. »Keiner von uns will hier was verdienen«, sagt Antti.

Fragt sich, wie lange das so bleibt. Der Restaurant Day ist eine große Sache geworden. Die Behörden haben ihn abgesegnet, nach wohlwollendem Wegsehen am Anfang. Die Tourismusämter bewerben ihn als finnische Errungenschaft. Kein Wunder, dass mancher Teilnehmer versucht, aus dem Karneval eine Kirmes zu machen. Soul Mama’s Kitchen etwa erweist sich als professioneller Catering-Service in den Räumen einer Galerie. Die marokkanischen Speisen sind teuer und wenig überraschend. Dafür schaufelt sie einem ein Topmodel in Festtracht auf den Teller. Auch Parteien und Firmen versuchen schon, mit eigenen Ständen für sich zu werben. Antti sagt: »Wenn uns einer auffällt, der es zu arg treibt, streichen wir ihn von der Liste.« Aber wer selbst die Regeln bricht, mag nicht den Aufpasser spielen.

 Bilanz eines Tages: viele verrückte Sachen gegessen

Man bekommt am Restaurant Day auch richtig gutes Essen, wenn man nur lange genug sucht. Es lohnen sich gerade die Viertel, in die man als Tourist sonst nicht käme. Zum Beispiel Ullanlinna, das zum Wohnen sehr beliebt, aber an Sehenswürdigem arm ist. In der Reihenhausstraße Tarkk’ampujankatu, zwischen Antikläden und Kreativbüros, stößt man auf einen Friseursalon, heute das Restaurant Dandy. Urito Moreno kommt aus Argentinien, trägt aber, passend zur Küche, ein mexikanisches T-Shirt. Vor ihm steht ein Topf mit der Nationalsoße Mole, die Arbeit eines ganzen Tages. Optisch: dicke, braune Pampe. Geschmacklich: ein Feuerwerk. Allein drei Sorten Chili sind drin. Außerdem reichlich Kakao. Für Urito ist das noch Mole light. »Daheim essen wir sie würziger, aber das sind die Leute hier nicht gewohnt.«

Noch nicht. Man schmeckt am Abend des Restaurant Day, wie stark die Sehnsucht der Finnen nach dem Südländischen ist. Während die Gourmets im Ausland vom skandinavischen Küchenwunder munkeln, verkauft sich hier das Gegenteil am besten: Exotik auf die Hand. Darum mischen wohl auch so viele Migranten mit. Denen muss man nicht lang erklären, was eine Garküche ist.

Der rührendste Stand des Restaurant Day besetzt ausgerechnet die vornehme Esplanade. Er besteht aus einem müllreifen Tisch, zurechtgeschnittenen Getränkekartons und einem Gaskocher. Darauf dämpft die nepalesische Handelsschülerin Mahes momos , Teigtaschen, für einen Euro das Stück. »Ich möchte unsere Küche bekannter machen und ein bisschen Geld verdienen.« Der Restaurant Day erlaubt ihr das, ohne Gebühren, ohne Papierkram.

Bilanz eines Tages: viele verrückte Sachen gegessen, von der rohen Karottenwurst bis zum Hanf-Burger spezial. Wenig gezahlt, nur das Roaming wird teuer. Ziemlich viel Helsinki aufgeschnappt, ohne auch nur ein Wort zu hören über Kaurismäki, Tango, Design.

Anttis Brunchzelt hat nach einer Siesta als Barzelt wieder eröffnet. Noch weit nach Mitternacht findet man kaum einen Platz auf den Bänken. Gäste und Gastgeber sind durcheinandergewürfelt. Der Mann am Grill drückt jedem, den er zu kennen meint, ein Brötchen in die Hand. Womit es gefüllt ist, lässt sich im Licht der Petroleumlampen nicht sagen; eine gesunde Schärfe überlagert alles. Die Mädchen hinter der Salatbar rauchen so viel, dass ein Gesundheitskommissar das Lokal schließen müsste. Aber das tut es ja ganz von selbst.

Antti steht da mit der Ruhe eines Menschen, der die Müdigkeit hinter sich hat. »Der Restaurant Day läuft«, sagt er. »Vielleicht ist es Zeit, ihn laufen zu lassen und wieder in der Anonymität zu verschwinden.« Dann erhebt er trotzdem die Stimme. Nein, keine Ansprache. Er schmettert den finnischen Grand-Prix-Beitrag von 1987.

Gegen ganz spät kommt noch ein Mann, Typ Frank Zappa, mit einer roten Pudelmütze und einer Botentasche auf dem Rücken. Er sagt, er arbeite tagsüber als Fahrradrikschafahrer. Auffällig ist aber doch, wie oft Leute ihn nach Marihuana fragen. Bis eben war er in einem der nahen Clubs, wo aufgebrezelte junge Leute Schulter an Schulter tanzen und die Schlange an der Tür bis zum Morgen nicht abreißt. »Ist cool da – für eine Viertelstunde. Aber hier im Zelt fühlt man sich zu Hause. Von solchen Orten haben wir zu wenige in Helsinki.«

Der Mann zieht aus seiner Botentasche eine Thermoskanne hervor. »Probier mal!« Die anderen am Tisch grinsen, sie kennen das schon. Ehe man sich rausreden kann, ist der Becher gefüllt. Aber Moment mal, das ist doch… Kamillentee! »Aus selbst gepflückter Kamille, aromatisiert nur mit Lakritz. Man muss vorsichtig sein heutzutage, ist alles voller Gifte. Deswegen trage ich meine Verpflegung meistens mit mir herum.« So endet der Restaurant Day würdig mit einem Überraschungsschlummertrunk. Antti hakt den Teemann unter und singt mit ihm etwas von ABBA.

Sonntagsspaziergang am nächsten Mittag; die Stadt wirkt seltsam vertraut. Man sieht den Empanada-Verkäufer von gestern noch immer an der Hauswand stehen. Man schaut in eine verlassene Einfahrt und denkt: Koriander, ein bisschen zu viel. Im Pestpark bauen Anttis Freunde das Zelt ab; er selbst erholt sich im Minibus auf dem Parkplatz von zwei Nächten fast ohne Schlaf. Bald wird hier nichts mehr an den Restaurant Day erinnern. Nur ein süßer Nachgeschmack. Kamille mit Lakritz.