Die Tage werden kälter, die Mäuse kommen ins Haus. Mancher sieht sie, wenn er in den Keller geht und unvermutet Licht macht (für die Mäuse unvermutet), mancher hört sie, wenn sie nächtens in der Speisekammer herumspringen (Mäuse neigen zur Akrobatik). Aber die meisten werden sie weder hören noch sehen, sondern indirekt über ihre Existenz belehrt. Neben der Kekstüte bilden sich winzige Papierschnitzel, und zwar immer wieder, auch wenn man sie auffegt; etwas größere Schnitzel bilden sich neben dem Sack vom Hundetrockenfutter, auch immer wieder, und es nützt nichts, das Futter in eine Plastiktonne zu stecken, denn dann bilden sich eben Plastikschnitzel. Aber die fegende Hausfrau kann sich beruhigen, die Phase geht vorüber, eines Tages bilden sich keine neuen Schnitzel mehr, nämlich genau an dem Tag, an dem die Löcher groß genug geworden sind, dass sich die Mäuse daraus bequem mit Keksen oder Hundefutter versorgen können.

Etwas anderes ist es mit Pullovern, die man unklug zur Sommerzeit im Keller verwahrt hat. Hier kann es passieren, dass just zu dem Zeitpunkt, da man sich fröstelnd der Wollsachen erinnert, von ihnen nur noch ein Ärmel übrig geblieben ist; der Rest hat sich in ein flauschiges kleines Nestchen verwandelt, in dem die Mäuse Feierabend machen. So zeigt sich gerade in der kalten Jahreszeit, in der man doch näher zusammenrücken sollte, eine gewisse Konkurrenz zwischen Maus und Mensch, und zwar just um die elementaren Ressourcen des Überlebens, um Essen und Wärme. Das ist der Grund, warum unsere Vorväter die Maus noch nicht niedlich fanden und jedenfalls für Kosenamen gänzlich ungeeignet. Hätte vor zweihundert Jahren jemand seine Ehefrau Mausi genannt, wäre das nur plausibel gewesen, wenn er sie des Diebstahls von Nahrungsmitteln oder Strickwaren hätte verdächtigen wollen.

Aus der Zeit, da der räuberische Grundcharakter der Maus noch im Vordergrund stand, stammt wohl auch die Sitte alter Damen (manchmal auch Herren), angesichts einer Maus auf einen Stuhl zu steigen – damit die Maus nicht im Innern des Rockes oder durch die Hosenbeine nach oben steigt, um einem buchstäblich das letzte Hemd vom Leibe zu fressen. Die Reaktion war selbstredend lächerlich, denn eine zum Letzten entschlossene Maus könnte natürlich auch auf den Stuhl springen, wenn der Zugang zu Rock oder Hosenbein anders nicht zu erreichen ist.

Meine Großmutter, obwohl studierte Mathematikerin (oder gerade deswegen), veranschlagte die technischen Fertigkeiten der Maus so hoch, dass sie die Küche, wenn sie darin Mäuse vermutete, mit dem Schlüssel abschloss – das Zuwerfen der Tür schien ihr unzureichend – und den Schlüssel sodann versteckte. Einmal versteckte sie ihn so gut, dass sie ihn selbst nicht mehr fand und bei ihren Enkeln um Speis und Trank betteln musste. "Ich kann seit gestern nicht mehr in die Küche, denn da lebt ja jetzt die Maus." Die Maus! Meine Großmutter verwendete den Kollektivsingular ungefähr so, wie man früher vom Iwan sprach, wenn man die Russen meinte.

Wenn man sie bei Tisch fragte, ob es vielleicht noch etwas Parmesan gebe, konnte sie mit bitterer Stimme antworten: "Nein, mein Engel, der ist jetzt in der Mausefalle." Die Bitterkeit kam daher, dass sie die Falle nicht als Mittel zur Tötung, sondern als Versorgungsquelle der Maus betrachtete. Und in der Tat ist bei ihr niemals eine Maus gewaltsam ums Leben gekommen, geschweige denn verhungert.