Mit Weihnachten ist es wie mit der Hölle: Nichtdranglauben hilft auch nicht. Spätestens wenn Chris Reas Drivin’ Home for Christmas (teuflischste Zeile: "I can’t wait to see those faces") sich ins Kopfkonzert einmischt, hat es einen wieder mal erwischt. Und jedes Jahr gießt die ruhmreiche Tradition des Weihnachtsalbums neues Öl ins Feuer.

Hätten Sie beispielsweise gedacht, dass Rod Stewart zu einer Interpretation von Silent Night fähig ist? Ist er aber, genau wie John Travolta und Olivia Newton-John, die sich nach zwanzig Solojahren ausgerechnet zum Fest wieder zusammengetan haben, um uns honigkuchenpferdstrahlend Klassiker von White Christmas bis hin zu Baby, It’s Cold Outside zu schenken. Die Gesänge dieser Spitzenkräfte des Entertainments sind nicht nur ein akustisches Pendant zum Hollywood-Kino, mit Barbra Streisand und Cliff Richard in Gastrollen sowie – Überraschung! – der virtuell wiederbelebten Ella Fitzgerald als Spezialeffekt, sie beweisen auch, dass Weihnachten kein Datum, sondern ein nach jeder Richtung hin dehnbarer Bewusstseinszustand ist: ins jazzig-sexy Rauchzarte bei Stewart, ins Vollvergeigte bei Travolta/Newton-John.

Wer nun angesichts von Spritzgebäck und Fett auf den Independent-Sektor setzt: Entwarnung kann auch hier nur bedingt gegeben werden. Das Alternativsingen, in diesem Jahr durch den Sampler Christmas Rules (mit Bands wie Calexico und den Punch Brothers) sowie ein komplettes Weihnachtsalbum der wunderbaren Tracey Thorn vertreten, erspart uns zwar das Gröbste in Arrangement und Darbietung: Schrammeln statt Zuckern, oft in kammermusikalisch reduzierter Besetzung. Bekömmlich, sogar wohltuend an diesen Produkten ist, dass sie den saisonalen Nachdenklichkeitsterror unter Beimengung religionsähnlicher Ersatzstoffe ins allgemein Besinnliche wenden. Es ist, als würde man im Beisein bester Freunde ein gutes Buch lesen, ein gutes Gespräch führen und dazu Dinkelkekse essen – Reformhauskost für die Seele, aber alles in allem dasselbe in gesund. Die Moral von der Geschicht: Seinem Kulturkreis entkommt man nicht.

Warum gibt es eigentlich noch keine Jom-Kippur-Alben? Keine-Santa-Buddha-, Kamasutra- oder Ramadan-kann-uns-mal-wir-feiern-das-Fastenbrechen-Smash-Hits? Im Sinne der Ökumene, der Abwechslung und des kulturellen Lastenausgleichs wäre das eine willkommene Alternative. Bis es so weit ist, müssen die schwarzen Seelen unter uns sich an die Gegentradition des Weihnachtshasser-Pop halten, die uns vom Nikolaus-Porno bis hin zum räudigen Punk-Trash (Don’t Believe in Santa von den Sonics, um nur ein Beispiel zu nennen) zumindest hin und wieder antithetische Sichtweisen beschert hat. 2012 bleibt das große Weihnachtsversenken der Schweizer Band Stalinorgel vorbehalten. Das für seine Coverversionen berüchtigte Duo verspricht, die "gesundheitsschädigenden Interpretationen" von Wham (Last Christmas) oder Band Aid (Do They Know It’s Christmas?) umfassend zu neutralisieren und "mit Wohlgeschrei zu ersetzen". Weihnachten ohne Weihnachtsgesang – eine verlockende Idee, wir Skeptiker indes wissen: Es gibt kein wahres Fest im falschen. Contra ist auch nur eine andere Form von Pro.