Helmut ("Hal") Sonnenfeldt, den Älteren wohlbekannt als Chefstratege im State Department, ist im Alter von 86 Jahren in Washington gestorben. Die großen amerikanischen Blätter haben lange Nachrufe veröffentlicht; den deutschen war es bislang keine Zeile wert. Und doch verkörpert der Mann ein Stück Deutschland im 20. Jahrhundert.

Sonnenfeldt ist als Deutscher und Jude in Berlin geboren; die Familie stammt aus Gardelegen. Die Eltern, beide Ärzte, waren klug genug, den Zwölfjährigen 1938 auf ein Internat in England zu schicken; sechs Jahre später war die Familie in Baltimore wieder vereint. Kurz danach zog Sonnenfeldt als Freiwilliger in den Krieg gegen Japan; 1946 wurde er in die alte Heimat versetzt, wo er in der militärischen Abwehr auf Henry A. Kissinger traf.

Beide studierten dann Politik an Eliteuniversitäten – Kissinger in Harvard, Sonnenfeldt an der Johns Hopkins. Aus den beiden wurde ein "Paar". Als Kissinger, der Fürther, unter Nixon ins Weiße Haus ging, zog er Sonnenfeldt nach; ebenso, als er 1973 zum Außenminister avancierte. "HAK" und "Hal" wurden Freunde und Rivalen. Kenner des Kalten Krieges sprechen noch heute von der "Sonnenfeldt-Doktrin". Der Schlüsselsatz: Wir streben "eine organische Beziehung zwischen der Sowjetunion und den Osteuropäern an". Dies wurde als Appeasement, als Anerkennung der Moskauer Herrschaft attackiert. Sonnenfeldt und Kissinger haben diese Lesart vehement verworfen. Kissinger: "Eine solche Doktrin gibt es nicht. Und wenn es sie gäbe – glauben Sie, dass sie nach meinem Untergebenen benannt worden wäre?"

Beide waren Architekten der Entspannungspolitik, mal als Back-up, mal als Bremse der deutschen Ostpolitik. Sonnenfeldts Spezialität waren endlose Verhandlungen mit "Mr Nyet", dem versteinerten Außenminister Andrej Gromyko. Nur einmal soll er den Kürzeren gezogen haben: gegenüber Parteichef dd, der gern westliche Luxusgüter sammelte und einen Uhrentausch vorschlug. Wie konnte "Hal" ablehnen? Also gab er die Uhr ab, die er zur Bar-Mizwa (Konfirmation) bekommen hatte. Gewonnen hat er doch. Als er die Breschnew-Uhr Jahre später taxieren ließ, stellte sich heraus, dass sie aus purem Gold war.

"HAK" und "Hal" machten Realpolitik, nicht zuletzt aus biografischen Gründen. Sie hatten in Kindheit und Krieg erlebt, was Ideologien und Machtwahn anrichten konnten; ihr Leitstern waren Stabilität und Ordnung. Glühende amerikanische Patrioten, haben sie das deutsche Trauma rasch abgeschüttelt und emsig Brücken nach Deutschland gebaut. Aber zurückgekehrt sind sie nicht, was ein Schlaglicht auf den Unterschied zwischen der Einwanderernation und dem Zuwandererland wirft. Zwischen den Silben "Ein" und "Zu" klaffen Meilen, die hier erst langsam von "Migrationshintergründlern" wie Philipp Rösler oder Cem Özdemir überbrückt werden.

Ob "HAK" und "Hal" nach ihrer Rückkehr so schnell an die Spitze des deutschen Establishments vorgestoßen wären? Lassen wir Helmut Kohl antworten. Der fragte einst: "Henry, was wäre wohl aus dir hier geworden?" Der Fürther: "Studienrat in Nürnberg." Kohl: "Na, na. Bis München hättest du es schon geschafft."