Alltag in Compton: Junge Mädchen gehen an einer Straßenkreuzung mit Eimern von Auto zu Auto und sammeln Spenden für die Beerdigung eines ermordeten Jugendlichen. Das Viertel gilt als Kriegsgebiet inmitten einer der wohlhabendsten Metropolen der Welt. Es gibt Kinder aus diesem Viertel von Los Angeles, die in ihrem Leben noch nie den gerade mal zehn Meilen entfernten Strand gesehen haben: zu gefährlich, durch die umliegenden feindlichen Gang-Territorien zu fahren. Wenn »made in Compton« dennoch weltweit als Gütesiegel gilt, dann wegen seiner Hip-Hop-Helden. NWA, Ice Cube, Dr. Dre, zuletzt The Game machten den Gangster-Rap aus Compton seit Ende der achtziger Jahre zu einem Exportschlager: böse Action-Märchen vor dem Hintergrund von staatlicher Vernachlässigung, Polizeiwillkür und Crack.

Nun liefert ein 25-jähriger Rapper aus ebendiesem Compton das beste Hip-Hop-Album des Jahres – und enttäuscht doch alle Erwartungen. Gut so! Good Kid, M.A.A.D City versucht sich erst gar nicht an der Gangster-Sause. Lamar setzt vielmehr den Schlussakkord unter ein zuletzt zur bloßen Protzerei verkommenes Genre. Keepin’ it real – mit diesem Mantra bemäntelte der Hip-Hop die Tatsache, dass seine Szenerien längst mehr an Seifenopern als an echte Straßenkultur erinnerten. Kendrick Lamar kehrt zu den Anfängen zurück, indem er die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der inmitten einer rauen, von Machoposen beherrschten Welt mit seinen guten Vorsätzen ringt. »Früher«, sagt der reserviert, aber freundlich auftretende Rapper im Interview, »habe ich wie alle anderen geglaubt, ich müsse mich supertough geben, um Platten zu verkaufen. Aber es fühlt sich sehr viel besser an, von meinen eigenen Erlebnissen zu erzählen.«

Zu denen gehört das Privileg, mit Vater und Mutter aufgewachsen zu sein: Das gab ihm genug Selbstvertrauen, um sich keiner Gang anschließen zu müssen. »Ich habe als Jugendlicher in Compton die besten und schlechtesten Erfahrungen meines Lebens gemacht: Die schlechtesten, dazu gehörte, mit den Homies auf der Straße abzuhängen und ziemlichen Mist zu bauen. Die besten lagen in der Sicherheit, die mir meine Familie gab.« Auf Good Kid, M.A.A.D City erzählt Lamar von beiden Welten. Ein Tag im Leben eines Rappers: Wir begleiten Lamar beim gemeinsamen Abhängen mit einem Haufen junger Männer, wir sind mit dabei, wenn sie im geliehenen Van seiner Mutter durch das Viertel kreuzen. Lamar wechselt in Rollenspielen immer wieder zwischen Biografie und Fiktion, zieht seine Zuhörer tief in seine inneren Kämpfe hinein. Ein Film läuft ab, vor unseren Augen und Ohren, der von Ruhmsucht, Alkoholmissbrauch und Gruppenzwang handelt.

»Wir sind nicht ignorant geboren, sondern dazu gemacht worden«

Das passende Ambiente besorgt Sherane a.k.a. Master Splinter’s Daughter: Ein 17-jähriger gerät auf der Suche nach einem Sex-Abenteuer in ein fremdes, bedrohliches Viertel. Dazwischen eine Anrufbeantworter-Ansage von Lamars Mutter, die erste von vielen, die den Plot interpunktieren. Halt dich von der Straße fern, mahnt sie, komm lieber nach Hause, um nach Vaters fehlenden Dominosteinen zu suchen. The Art Of Peer Pressure berichtet vom Plan zu einem Raub. In einem großen inneren Monolog beschreibt Lamar, wie er sich vor Freunden brüstet, um seine Unsicherheit zu überspielen. Doch ob Polizeisirenen erklingen oder Schießereien für Adrenalinkicks sorgen, überall lauert ein moralisches Dilemma: Martin had a dream, ruft Lamar einmal – um gleich darauf Martin Luther Kings Traum mit der Schäbigkeit der eigenen bitches and dollars- Fantasien zu konterkarieren. »Das ist meine Art der Selbstkritik«, erklärt er. »Uns fehlen die Führerfiguren, Menschen, die uns vorleben, was wichtiger sein könnte als Geld und Luxusgüter.«

Schon Lamars 2011 erschienenes, nur über iTunes vertriebenes Albumdebüt Section 80 riss die Kritiker hin. Dieser distanziert-detaillierte Erzählstil, diese rhythmische Raffinesse! Lamars Qualitäten als Rapper erregten die Aufmerksamkeit von Dr. Dre, dem Paten des Gangster-Rap, dessen Produktionskünste bereits Eminem, 50 Cent, Snoop Dogg und The Game ins Rampenlicht beförderten. Dr. Dre nahm Lamar unter Vertrag, im Sommer des vergangenen Jahres rief er ihn auf einer Bühne in Los Angeles gar zum neuen »König des Westküsten-Hip-Hop« aus. Nur Begeisterung löste das nicht gerade aus: Der Wechsel vom Underground in den Mainstream ging schon zu oft mit Qualitätsverlusten einher. Würde der bescheidene junge Mann zum Star für alle hochgepimpt werden? Zum Glück erwiesen sich solche Befürchtungen als grundlos.

Die Beats auf Good Kid, M.A.A.D City kommen angenehm trocken und mit federnder Eleganz daher. Was die Raps anbelangt, hat Dr. Dre bloß hervorgehoben, was Lamar am besten kann: in wechselnden Tempi zu erzählen, um zwölf Ecken herum gedachte Wortspiele auszuhecken und mit einem Wahnsinns-Flow abzuliefern. Nein, dieser junge Meistererzähler braucht keine Gimmicks. Gangster-Rap war der Aufstand der angeblich schlecht erzogenen, aufmüpfigen, hoffnungslosen Ghetto-Jugend, Kendrick Lamar sagt: »Wir sind nicht ignorant geboren, sondern dazu gemacht worden. Meine Raps zeigen, wie wir wirklich ticken.«

Das Hip-Hop-Album als Entwicklungsroman: Compton mag nicht zu retten sein, der Sprechgesang aber lebt.