Die Türkei ist ein Paradies für Kunstsammler. Davon sind zumindest Ali Güreli und Hasan Bülent Kahraman, die Leiter der am vergangenen Wochenende abgehaltenen Messe Contemporary Istanbul, fest überzeugt: Stetig steigende Einkommen sprächen dafür, auch das Engagement einiger Banken als Investoren und Berater, durch das mehr und mehr Firmensammlungen entstünden. Glückliche Begleitumstände, die freilich die maßgebliche Grundlage für die Entwicklung der mit anfänglich 49 Ausstellern kleinen Veranstaltung waren. Dass sich diese Messe für zeitgenössische Kunst seit 2006 überhaupt hatte etablieren können, war nicht absehbar. Die natürlichen Feinde waren (und sind) die großen, internationalen Messen, zu denen die türkischen Sammler, die kunstsinnigen Firmenchefs, ins Ausland reisen. Mit dem dezidiert formulierten Anspruch, als nahöstliches Drehkreuz für die zeitgenössische Kunst zu fungieren, ist die Messlatte der Veranstalter allerdings schier uneinnehmbar hoch gelegt. Gelänge es in Zukunft, mehr internationales Publikum zu erreichen, käme man der Vision schon ein Stück näher. Zahlungskräftige Besucher aus der unmittelbaren Nachbarschaft, aus den Emiraten etwa, scheinen Istanbul als Knotenpunkt der Kunst offenbar noch nicht so richtig entdeckt zu haben.

Die Teilnehmerzahl der Contemporary Istanbul hat sich mittlerweile verdoppelt, die der Besucher (70.000 wurden dieses Jahr erwartet) ebenfalls. Das erste und bislang auch einzige namhafte türkische Museum für zeitgenössische Kunst wurde 2004 in der Metropole eröffnet, der Messe kommt somit wirklich der Rang eines Forums für aktuelle künstlerische Positionen zu, wie es ansonsten im Land nicht geboten ist. Eine wachsende Gruppe von potenziellen Käufern mit bislang naturgemäß begrenzten Kenntnissen der internationalen Tendenzen, so Kahraman, werde hier angesprochen.

Da eine Messe von ihrer Anlage her eine von Grund auf kommerzielle Angelegenheit ist, haben sich die Galerien selbstverständlich nicht entschlossen, Aufklärungsarbeit auf Teufel komm raus zu leisten. Sie haben durchaus Tröstliches für die zunächst einmal dem Schönen und Gefühligen zugewandte Seele dabei. Gern bedienen die heimischen Galeristen die dekorativ, mit begrenzt narrativem, manchmal schwach zeitkritischem Einschlag ausgerichtete Orientierung der Käuferschicht, deren Identifikationsmuster ihnen vertraut sind. Da gleitet dann schon einiges in den Kitsch ab, in leere Abstraktion, in nervtötenden Farbzwang und fröhliches Tiermotiv.

Den geschulten Blick (oder gute Beratung) belegt die Anwesenheit von Seçkin Pirims geschichteten Laser-Cuts in nahezu jeder anspruchsvollen türkischen Sammlung, beispielsweise der von Berrak und Nezih Barut. Pirim ist der Star – und seine akribisch gearbeiteten geometrischen Kompositionen sind (noch) nicht teuer. Die Galerie Merkur verkaufte auf der Messe im Handumdrehen eine große Arbeit für 26000 Euro. Der Künstler, der gerade eine Einzelausstellung bei Saatchi & Saatchi in London hatte, erzählte höchst amüsant, wie er zum Zeitvertreib während des verhassten Militärdienstes streichholzschachtelgroße Scherenschnittobjekte fertigte, sie beziehungsreich Smoke and Raki nannte und damit ein bisschen Geld verdiente. Später konnte er die großen Schichtarbeiten herstellen, dann auch raumgreifende, weich geschwungene Plastiken aus Holz, Metall oder Acryl, die Hohlseite rau geriffelt, die Außenfläche spiegelglatt. »Rough and smooth« seien sie, wie die menschliche Natur, erklärte der 35-Jährige.

Natürlich bringen die einflussreichen türkischen Galerien inzwischen auch erfolgreich Künstler mit internationalem Renommee in die Stadt. Die Galerie Dirimart, die Erfahrungen auf der New Yorker Armory Show und der Art Cologne gesammelt hat, zeigte neben Bildern von etablierten türkischen Künstlern ein Riesenschüttbild von Hermann Nitsch und eine aktuelle großformatige Papierarbeit von Thomas Bayrle; Bangkok No. 4, eine abstrakte Digitalimpression von Andreas Gursky, der sich die Messe persönlich anschaute, war quasi umgehend für 400.000 Euro weitergereicht worden. Die Galerie Manâ setzte auf Kutluğ Ataman und eine Serie von elf Stills (Auflage 3+2, 30.000 Euro) aus dem Video Journey to the moon, mit dem er seinen Landsleuten ihre naive Verherrlichung der westlichen, vor allem amerikanischen Errungenschaften liebevoll-boshaft vor Augen führt. Aber auch auf die schwer dekorativen Mittelformate (55.000 Euro) von Anselm Reyle, deren vom Künstler unermüdlich postulierter Ironiefaktor hier vielleicht nicht wirklich greift.

57 Aussteller aus dem Ausland prüften in diesem Jahr den türkischen, den nahöstlichen Markt. Manche zum ersten Mal, wie Michael Schultz aus Berlin oder wie Mario Mauroner aus Salzburg (nach reiflicher Überlegung) mit großen, grün schillernden, aus Tausenden von Insektenflügeln collagierten Tafeln von Jan Fabre (245.000 Euro) und einer neuen Gemeinschaftsarbeit von Herbert Brandl und Loys Egg, riesig, blutrot mit ausgestopftem Rabenvogel. Manche nach langer Pause zum wiederholten Mal wie Françoise Heitsch aus München, die mit Arbeiten von Klaus vom Bruch und der in Hamburg lebenden türkischen Künstlerin Ergül Cengiz anreiste. Cordeiros hat aus Portugal Warhol-Siebdrucke, Klauke-Fotografien und ein Barceló-Gemälde von 1983 mitgebracht. Preisangaben wurden hier wie bei etlichen der Kollegen strikt verweigert. Kryptisch gab sich auch die Galerie Marlborough (New York), die für ihren ersten Auftritt leicht konsumierbare Picasso-Lithografien und eine ganze Reihe von kleineren Botero-Arbeiten ausgewählt hatte. Ihr Direktor Michael Gitlitz sprach von der in Istanbul spürbaren Zunahme von »sophistication and money«, die dann auch ganz folgerichtig zu raschen Verkäufen im sechsstelligen Dollarbereich geführt habe. Dass die sich neu orientierenden Sammler glauben, ein Finanz- oder Qualitätsrisiko zu vermeiden, wenn sie in international renommierten Galerien kaufen, vermutete wohl auch Debütant Haunch of Venison, die Christie’s-gestützte Londoner Galerie, und irritierte ein bisschen mit den (nicht ganz) lebensechten Silikontieren und –wesen der australischen Künstlerin Patricia Piccinini.

Die wenigen jungen Galerien aus Osteuropa in der Abteilung New Horizons wurden weniger beachtet, dabei hätte sich ein Abstecher ins Untergeschoss, vorbei an der sehr ambitionierten Kinderbespielungsabteilung, gelohnt. Vesselina Sarieva aus Plovdiv hatte bemerkenswert ausgereifte junge Positionen dabei, coole Fluxus-Anleihen auf Bulgarisch von Rada Boukova und Valio Tchenkov. Bei Ani Molnár aus Budapest gab es kühlen Spott nach allen Regeln der (Mal-)Kunst in Gestalt eines Winteridylls aus der Vogelperspektive von Szilárd Cseke (Eastern Europeans on the Terrace of an Alpine Hotel).

Nur ganz vereinzelt hatten sich in diesem Jahr auch deutsche Sammler auf der Messe eingefunden. Ein Fehler, noch ist die zeitgenössische türkische Kunst, gemessen am internationalen Preisgefüge, reichlich unterbewertet; das dürfte sich jedoch rasch ändern. Steigende Umsätze beflügeln, das allgemein zunehmende Interesse nicht minder. Die Macher der Contemporary Istanbul planen schon eine neue Messe. Die all arts Istanbul will mit einer Angebotspalette, die von der islamischen und traditionellen Kunst bis zur modernen und zeitgenössischen Kunst aus aller Welt reicht, einen weit größeren, auch internationaleren Interessentenkreis ansprechen. Sollte sich das überaus ambitionierte, freilich auch riskante Unternehmen dann einen adäquaten Veranstaltungsort suchen, dazu einen versierten Architekten, der sich auf Atmosphäre und Kunstpräsentation versteht, könnte das durchaus gelingen. Die derzeitigen Bedingungen sind, von provinzieller Sorglosigkeit getragen, irgendwie sympathisch, aber im globalen Messereigen nicht gut einzugliedern. Außerdem will man mit diesem Vorhaben auch die Pläne der bereits sehr entschlossenen Konkurrenten zuverlässig torpedieren. Der Platz im selbst ernannten Paradies der Sammler will verteidigt werden.