Ein Vorteil, den die Zeitung gegenüber dem Netz noch hat, neben nostalgischem Geraschel und dem Geruch nach Druckerschwärze, ist vielleicht dieser: Sie hat einen Anfang, und sie hat ein Ende. Man verirrt sich nicht in ihr. Im Internet dagegen werden so viele Daten verschickt, dass der Stromverbrauch von Servern und Computern genauso viel CO₂ verursacht wie der weltweite Flugverkehr. E-Mails, Podcasts, Tweets, Fotos, Werbung, Videos – Informationen, die pausenlos hereinprasseln und in denen man das Wesentliche kaum noch findet.

Dem brasilianischen Journalisten Gustavo Faleiros geht es genau darum: um das Wesentliche. Er ist ein klassisch ausgebildeter Print-Mann, jahrelang hatte er ein Büro bei Valor Econômico, der größten Wirtschaftszeitung Brasiliens, und schrieb fast jeden Tag Artikel. Die Zeitung hat er gegen das Internet getauscht, das Redaktionsbüro gegen ein Arbeitszimmer zu Hause, im 13. Stock eines Wohnblocks aus Beton. Vom Schreibtisch aus blickt er auf São Paulos Hochhäuser.

Wir besuchen Faleiros, weil wir wissen wollen, wie es mit dem Journalismus weitergehen könnte, wenn es die Zeitung nicht mehr gibt. Er ist der erste Kollege, den wir treffen, São Paulo die erste Station auf unserer Reise, die uns zu Medienmachern in Brasilien und Ägypten, in Indien und Großbritannien, in Japan und den USA führen wird. Zu Profis, die mit neuen Formen experimentieren, statt alten Zeiten hinterherzutrauern. Die nicht glauben, dass sich am Ende der Print-Ära ein Loch auftut, das guten Journalismus einfach so verschluckt.

In den Tagen vor unserem Besuch in São Paulo erreichten uns die Nachrichten vom Zeitungssterben in Deutschland. Auch in Brasilien sinken die Auflagen. Ob ihm das Sorgen bereitet? Faleiros schüttelt den Kopf. »Das Netz ist großartig«, sagt er. »Wir Journalisten werden einen Platz darin finden.«

Faleiros’ Seite im Netz heißt Infoamazonía, sie bietet den Zugang zu einer digitalen Datensammlung über den Amazonas. Faleiros ist Umweltjournalist, das Amazonasgebiet, eines der fragilsten Ökosysteme der Welt, ist sein liebstes Thema, jahrelang hat er darüber geschrieben. Er will verstehen, wie sich der Amazonas verändert. Aber acht Millionen Quadratkilometer Regenwald sind zu groß für einen einzelnen Reporter. Über neun Länder erstreckt sich das Amazonasgebiet, es ist die Heimat von 40000 Pflanzen-, 427 Säugetier- und rund 1300 Vogelarten und ist für Menschen schwer zugänglich. Allein in Brasilien werden täglich 52 Quadratkilometer Amazonaswald gerodet – mehr als 6400 Fußballfelder.

»So ein riesiges Gebiet kann man mit normalen Recherchemethoden nicht begreifen«, sagt Faleiros. »Man kann in einzelnen Regionen stochern, aber man sieht die großen Entwicklungen nicht.« Vor einem Jahr hörte Faleiros auf zu schreiben und fing an zu sammeln. Daten über den Amazonas, alle, die er kriegen konnte: Satellitenbilder, Bevölkerungszahlen, Klimakurven, Statistiken zu Bergbau und Erdölförderung, zu Waldbränden und zu den Rinderfarmen, die den Wald verdrängen.

Die Daten bekommt Faleiros von den Statistikbehörden der Amazonas-Anrainerstaaten, von der Nasa, von Industrie- und Umweltschutzverbänden, von Forschern und Journalistenkollegen. Und von den Menschen, die am Amazonas leben. Bald will er eine Smartphone-App entwickeln, die die Bewohner selbst zu Rechercheuren macht. »Eine App, mit der sie Temperatur und Luftverschmutzung selbst messen, mit der sie dokumentieren können, was sie im Alltag beobachten: Risse in Ölpipelines, ungewöhnliche Wetterlagen, abgeholzte Waldflächen.« In Faleiros’ Welt ist Recherche ein Crowdsourcing-Projekt, ein riesiger Gemeinschaftsakt, und der Journalist nicht mehr einer, der schreibt, sondern einer, der filtert und sortiert. Ein Guide, der durch die Datenberge führt.