Wo bleibt die musikalische Revolution? Jede Dekade der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatte eine. Rock ’n’ Roll, Punk, Hip-Hop. Wo ist der Aufbruch ins Unbekannte, der alles Dagewesene wegfegt? Die zweitausender Jahre lassen uns warten.

Im Kleinen aber tut sich was. Da ist die Menahan Street Band zum Beispiel. Sie entspringt einem Musikerkollektiv aus Brooklyn, das unter verschiedenen Namen von sich reden macht. Fünf der Menahan-Mitglieder begleiteten Amy Winehouse auf Back To Black zum Olymp. Als The Dap-Kings prägten sie einen modernen Klang der Rückbesinnung. Sie gaben dem Soul seine Wärme zurück. Außerdem produzierte der Menahan-Saxofonist Leon Michels Aloe Blaccs Welthit I Need A Dollar . Das Album The Crossing wird kein Welthit. Hier wird noch nicht einmal gesungen. Aber man kann hören, wie prächtig sich Musik in unseren Tagen entwickelt. Nämlich keineswegs linear, es gibt kein Ausformulieren von Stilen bis zur nächsten Revolte. Vielmehr wird mit Versatzstücken jongliert.

Man traf sich, um Soulsänger zu begleiten. Genau wie früher! Mit Bläsersektion, Piano, Orgel und allem, was der Jazz dem Soul geschenkt hat. Doch was wäre das Machen von Musik heute ohne das Hören von Musik, ohne das Entdecken von Preziosen im Plattenladen. So findet auch die kleine Renaissance des äthiopischen Jazz (Mulatu Astatke!) in diesen Klängen ihren Platz. Ein weiches Arbeiten der Bläser steht zirkulierenden Akkorden des Pianos gegenüber. Und nicht zuletzt geht es um Hip-Hop, dessen Samplingkünstler maßgeblich von Soul und Funk beeinflusst sind. Die Menahan Street Band aber ist eine Soul- und Funkband, die sich vom Hip-Hop nährt und somit gern wuchtig produziert. Mit sattem Bass, versteht sich.

Um all dies zusammenzuführen, bedarf es einer Idee. Vielleicht lautet diese so: Lasst einfach die Soli weg, und schon passt der Sound des Jazz zu den Schleifen des Hip-Hop. Und lasst alles Gehörte widerhallen, von den Sumpfgeistern der Südstaaten bis hin zu mexikanischen Trauerzügen – so entfachen die Töne ein Kino im Kopf, Cinematic Soul. Anstrengend ist das alles nicht. Trotz aller Vielseitigkeit stellt sich keine Nervosität ein. Vielmehr klingen die aberwitzigen Verknüpfungen entspannt und organisch. Die Fragen kommen erst nach dem Ende der Vorstellung.