Die Revolution frisst ihren Präsidenten. Über hunderttausend Ägypter rebellieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo. "Rücktritt!", fordern sie schon wieder. Gemeint ist diesmal der erste Präsident der Revolution, Mohammed Mursi. Nach nur einem halben Jahr im Amt erlebt der Ex-Chef der islamischen Freiheits- und Gerechtigkeitspartei seinen Mubarak-Moment. Im Februar 2011 forderten die Massen den Abtritt des alten Diktators. Darunter auch die Muslimbrüder. Jetzt gerät ihr Präsident in Bedrängnis. Seine Freiheits- und Gerechtigkeitspartei wird mit der verwesten Nationalpartei Mursis verglichen. Parteibüros gehen in Flammen auf. Ein junger Muslimbruder stirbt in den Unruhen. Es weht ein Hauch von Bürgerkrieg.

Warum dieser Aufstand gegen Mursi? Ist er doch der Mann, der noch vor einer Woche den Waffenstillstand in Gaza herbeiverhandelte. Ein Führer, der vom Westen als Mittler gebraucht und in der arabischen Welt bewundert wird. Mag sein. In Ägypten aber ist er der Präsident, der sich soeben einen dicken Katalog von Sondervollmachten genehmigt hat. Ein Mann, der erst den Generalstab und jetzt die hohe Justiz entmachtet. Dessen Verbündete in der Muslimbruderschaft die Verfassunggebende Versammlung und das Oberhaus kontrollieren. Mursi ist juristisch so gut wie unantastbar geworden. Gerade deshalb wird er jetzt von den Leuten auf der Straße angegriffen.

Vergangene Woche, nach dem Gaza-Waffenstillstand – auf dem Höhepunkt seines Ansehens –, hatte der Präsident zum Pharaonenschlag ausgeholt. Noch bevor das Verfassungsgericht dem 61-Jährigen in den Arm fallen konnte, erließ er die Dekrete, die Ägypten erschütterten. Der Generalstaatsanwalt, ein Freund des alten Regimes, ist entlassen. Die Verfassunggebende Versammlung und das Oberhaus des Parlaments können nicht von den Richtern aufgelöst werden. Der Präsident und seine Entscheidungen sind immun gegen richterliche Interventionen, bis ein neues Parlament gewählt ist. Das alles wirkt auf die Protestierenden, als wollten Mursi und seine Muslimbrüder ihre Macht ein für alle Mal gegen potenziell störende Staatsinstanzen zementieren. Gegen die "Herrscherlizenz" rebellieren Liberale, Bürgerliche und Linke. Die Religiösen hingegen stützen Mursi. Der Mann spaltet Ägypten.

Niemand hätte das geglaubt, als er im Juni zum Präsidenten gewählt wurde. Er war der große Unscheinbare, kurzbärtig, untersetzt, mit großer spiegelnder Brille. Hob er die Arme, stand er immer etwas schief da im sorgsam zugeknöpften Anzug. Mursi wurde Kandidat der Muslimbrüder, nachdem die Generäle und höchsten Juristen einen stärkeren Vorkämpfer der Bewegung von der Wahl ausgeschlossen hatten. "Ersatzreifen!", höhnten Mursis Gegner. Ausputzer ist wahrscheinlich der treffendere Begriff. Er musste den verkorksten Wahlkampf für die Islamisten retten. Und gewann mit einer hauchdünnen Mehrheit gegen einen Vertreter des alten Regimes.

Viele, die Mursi damals als das kleinere Übel gewählt haben, stehen heute gegen ihn auf dem Tahrir-Platz. Sie wollen keinen autoritären Neuaufguss des alten Regimes. Gegen die Sondervollmachten des Präsidenten protestieren ehemalige Mursi-Wähler und Ex-Muslimbrüder Hand in Hand mit seinen politischen Gegnern: Amr Mussa, ehemals Chef der Arabischen Liga, Mohammed ElBaradei, Ex-Leiter der UN-Atomenergiebehörde, Liberale, Zeltstadtbewohner, Sozialisten, Anhänger des alten Regimes, bärtige Gläubige, Blogger, Jugendbewegte. Eine ganz große Koalition ist da zusammengekommen, die notorisch gespaltene Opposition in Ägypten scheint sich zum ersten Mal einig zu sein. Sie alle empören sich über den "Machthunger des Präsidenten".

Wer Mohammed Mursi einmal gesehen hat, staunt, wie viel Zorn er auf sich ziehen kann, gerade wenn man ihn mit einem anderen Regierungschef eines großen muslimischen Landes vergleicht, der deutlich offensiver agiert, mit dem türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan. Wie er ist der Ägypter ein strenggläubiger Politiker. Doch in vielem ist er ganz das Gegenteil des Türken. Wo Erdoğan sich einer Rabaukenrhetorik bedient, spricht Mursi vergleichsweise leise. Mursi wirkt eher wie der erste Verwaltungsbeamte seines Staates. Erdoğan war früher mal Fußballspieler und lebte nie im Ausland. Mursi hat in Kalifornien in Ingenieurwissenschaften promoviert. Erdoğan polarisiert, Mursi gleicht eher aus, zumindest war das bis zur vorigen Woche so. Der ägyptische Präsident gab vor Kurzem einer westlichen Politikerin in Kairo entgegen islamistischen Gepflogenheiten die Hand. Mursi gilt als Pragmatiker, als einer, der sich neuen Situationen geschickt anpasst. Warum spaltet so einer das Land?

Eine Vorahnung von Mursis Zielstrebigkeit konnte man schon im August bekommen. Damals war er noch ein recht machtloser Präsident. Der ägyptische Generalstab und die Militärregierung verspürten nach der Wahl keine Neigung, die Macht abzugeben, und versuchten, den gewählten Mohammed Mursi durch allerlei Verfassungsvorschriften einzuhegen. Doch hatten sie sein taktisches Geschick unterschätzt. Der erfahrene Muslimbruder befreite sich damals mit einem Paukenschlag von dem Fesselwerk.