Als er der ZEIT vor etwa einem Jahr ein Interview in Berlin gab, fröhlich und vor Energie schier platzend, da bestellte er eine Flasche Wein mit den Worten: "Keine Sorge, ich bin der lebendigste Tote, der Ihnen je begegnet ist." Beim Anstoßen sagte er: "Cheers! Wie schön, dass man kein Arschloch sein muss, um ein Arschloch zu spielen."

Dass Larry Hagman in der Rolle des rücksichtslosen Ölmagnaten J.R. Ewing zum Superstar des Fernsehzeitalters wurde, muss auch an dieser Fröhlichkeit gelegen haben, an der unverhohlenen, bukolischen Freude, mit der er die Rolle ausfüllte. Dallas war die erste Fernsehserie mit einer märchenhaft durchtriebenen Hauptfigur, und J.R. Ewing war der böse Wolf unter den Ölranchern von Texas. Auf geradezu visionäre Weise kehrte Dallas die "Arschlochseite des Kapitalismus" (Hagman) hervor, aber das eigentlich subversive Element dieser Serie war das über den Zeitläuften thronende feiste Grinsen von J.R. Ewing. Larry Hagman zeigte der Welt, welchen Wahnsinnsspaß man dabei haben konnte, ein Arschloch zu sein.

Zu Unrecht wurde diese Rolle, die er kürzlich noch einmal in einer Neuauflage von Dallas spielte, als Vorläufer der modernen Börsenhaie und ihrer aalglatten Amoral beschrieben. Denn J.R. Ewing war keineswegs amoralisch, sondern ein Bösewicht, der sich seiner Bösartigkeit frohgemut bewusst war. Er trug Anzug, war aber ein texanischer Barbar. Er konnte mit einem Fingerschnippen den Ölpreis erhöhen, verhielt sich aber letztlich wie ein Cowboy, der in der Wildnis um Land, Vieh oder Gold kämpft. Und irgendwie blieb er immer der präpotente kleine Junge, der auf der Southfork Ranch, in der piefigen Küche seiner Serienmutter Miss Ellie, zur Räson gerufen wurde.

Wer noch einmal die ganze Bandbreite des Schauspielers Larry Hagman erleben will, sollte sich ein paar Folgen der US-Fernsehserie Bezaubernde Jeannie ansehen. Darin spielt Hagman den Astronauten Tony, der einen weiblichen Flaschengeist beherrscht. Er spielt diese Rolle mit einer zutiefst anrührenden Mischung aus Naivität und Freundlichkeit, Lichtjahre entfernt von dem Fiesling, mit dem er in den achtziger Jahren Fernseh- und Popgeschichte schreiben sollte.

Es mag nicht weiter erstaunen, dass der Mensch Larry Hagman – das sagt jeder, der ihm je begegnet ist – nichts mit dem Bösewicht J.R. Ewing gemein hat. Aber erstaunlich ist doch, dass seine Biografie ein einziger Versuch ist, sich von ihm noch weiter zu entfernen. J.R. dealte mit Öl, Larry Hagman wurde zum überzeugten Unterstützer der Sonnenenergie und besaß die größte private Solaranlage der Welt. J.R. war ein rechter Reaktionär, Hagman ein anarchistischer Linker. J.R. erledigte seine Gegner auch mal mit der Winchester, Hagman war Pazifist und engagierter Gegner des Vietnamkrieges. J.R. war sexsüchtig und terrorisierte seine Ehefrau Sue Ellen, Hagman war fast 60 Jahre lang glücklich mit der schwedischen Modezeichnerin Maj Axelsson verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. J.R. war ein Lügner vor dem Herrn, Hagman sprach offen über alles – von seiner Verachtung für George W. Bush über seine Abneigung gegen Religion bis zu seiner Vorliebe für Marihuana. J.R. trank Whiskey, Larry Hagman mochte Rotwein und Champagner. J.R. war J.R. – und Larry Hagman ein Gentleman.

Auf die Frage, woran er glaube, sagte Larry Hagman in Berlin: "an Drogen, die Liebe und die Schönheit." Und dann, plötzlich ernst, nach einem Schluck Rotwein: "an eine obskure Idee der Menschlichkeit." Am vergangenen Freitag ist Larry Hagman im Alter von 81 Jahren in Dallas gestorben.