Erst war es nur ein diplomatischer Trick. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte im vergangenen Jahr beschlossen, die Aufnahme seines Landes in die Vereinten Nationen zu beantragen. Er wollte die Palästinafrage wieder auf die weltpolitische Tagesordnung setzen. Erwartungsgemäß blitzte er am Widerstand der USA im Sicherheitsrat ab, und die Sache schien tot.

Jetzt wird ein zweites Mal abgestimmt. Palästina will nicht mehr Vollmitglied, sondern nur noch "Beobachter" werden (wie etwa der Vatikan). Dafür braucht man nur die einfache Mehrheit der Generalversammlung, und die war stets sicher. Eine Anerkennung zweiter Klasse also? Ist das so wichtig? Der Aufstieg von Hamas durch den jüngsten Krieg hat alles verändert. Es geht jetzt um mehr: In New York wird der Kampf zwischen säkularen Nationalisten und Islamisten ausgetragen, zwischen Diplomatie und Gewalt, zwischen denen, die die Zweistaatenlösung wollen, und denen, die von Israels Vernichtung träumen.

Deutschland findet sich dabei in der bizarren Lage, in der Generalversammlung gegen seine eigene Politik zu stimmen. Abbas strebt nämlich nichts an, was die Deutschen nicht auch wollen: zwei Staaten, verhandelte Grenzen, schiedlich geteiltes Jerusalem, begrenztes Rückkehrrecht für eine symbolische Anzahl von Flüchtlingen. Er hat immer gesagt, die Anerkennung bei den UN sei kein Ersatz für Verhandlungen mit Israel. Doch stand es nie zur Debatte, dass Deutschland Abbas’ Initiative billigen würde. Als Israel den Gang zu den UN als "einseitigen Schritt" verurteilte, schloss die Kanzlerin sich an. Je mehr andere Europäer – Franzosen, Briten, Spanier – ankündigten, Abbas zu unterstützen, umso mehr sah Deutschland sich verpflichtet, Israel die Treue zu halten.

Abbas jedoch braucht Hilfe – denn die Extremisten von Hamas, seine Konkurrenten im palästinensischen Bruderkampf, sind gestärkt aus dem jüngsten Gazakrieg hervorgegangen. An ihnen führt kein Weg mehr vorbei, alle wollen mit ihnen reden, Israel eingeschlossen, wenn auch vorerst im Geheimen. Obwohl Hamas das Existenzrecht des jüdischen Staates leugnet.

Abbas und seine gemäßigte Fatah-Partei erkennen Israel an, wollen verhandeln und verhindern terroristische Anschläge von ihrem Territorium aus. Dennoch müssen sie ohnmächtig dem stetigen Wachstum der Siedlungen im Westjordanland zusehen und werden von israelischen Regierungsvertretern auch noch höhnisch für "irrelevant" erklärt. Israel hat gar gedroht, Abbas den Geldhahn zuzudrehen, die Osloer Verträge zu kündigen und die Palästinensische Autorität aufzulösen, wenn er seine UN-Initiative durchzieht.

Dass er trotzdem an seiner Initiative festhält, zeigt Abbas’ Verzweiflung. Überall in der Region sind die Muslimbrüder und ihre Ableger – wie Hamas – auf dem Vormarsch. Ihr "Widerstand" mit Raketen und Anschlägen ist militärisch sinnlos, doch erfüllt er ein Bedürfnis nach Würde, während Abbas und die PA zunehmend als Kollaborateure der israelischen Besatzung gelten.

Abbas braucht nach dem Gazakrieg mehr denn je einen Erfolg. Mit der diplomatischen Aufwertung will er zeigen, dass Gewalt nicht der einzige Weg zum eigenen Staat ist. Er hofft, nach dem Votum ernster genommen zu werden und an den Verhandlungstisch zurückkehren zu können.