Vor anderthalb Jahren fragte ich meinen Ressortleiter, ob ich mir nicht den Parteitag dieser Piratenpartei anschauen sollte. Ich fuhr ohne konkreten Auftrag nach Heidenheim, denn die Piraten waren eine winzige Partei, und wir waren nicht sicher, ob man sie ernst nehmen konnte. Ich war eine von drei Journalisten und wurde ständig für ein Parteimitglied gehalten. Die Veranstaltung glich einer Mischung aus bürokratischem Exzess und Chaos Computer Club: Viele Männer mit T-Shirts und Laptops, die über noch viel mehr Geschäftsordnungsanträge abstimmten. Am Ende schrieb ich einen kurzen Artikel über den neuen Parteichef, Sebastian Nerz, der mir sagte, dass die Piraten bei der nächsten Bundestagswahl mehr als fünf Prozent holen könnten. Ich hielt das für utopisch. Ein halbes Jahr später wählte Berlin.

Seitdem hat die Piratenpartei eine erstaunliche Wandlung vollzogen. Sie sitzt jetzt in vier Landesparlamenten. Die Männer in den T-Shirts gelten als sexy, die Partei gilt als wichtig. 250 Journalisten reisten vorvergangenes Wochenende zum Parteitag in Bochum, darunter sieben Mitarbeiter von Spiegel Online und ein Dutzend Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule, die für SZ Online bloggten und filmten. Minutiös tickerten sie über die Entstehung des Grundsatzprogramms: Ja zu Europa, Nein zur Atomkraft, Ja zur sozialen Marktwirtschaft, auch wenn es nicht so heißt. Keine Partei – erst recht keine, die in Umfragen bei vier Prozent liegt – hat je solch eine Aufmerksamkeit genossen. Das japanische Fernsehen war übrigens auch da.

Die Piraten haben die politische Berichterstattung verändert. Weil sie unter Transparenz verstehen, alles über sich zu veröffentlichen, sind die Medienberichte voll von persönlichen Abrechnungen und peinlichen Tweets. Noch nie war das Politische so privat. In den letzten anderthalb Jahren gab es um die Piraten viele Skandale und Interpretationen: Sie erneuern das System. Bringen’s nicht. Haben keine Ahnung. Haben neue Tools. Sind aufregend. Total peinlich. Die Sicht nach Bochum: Die Piraten reißen sich zusammen und nehmen Kurs auf die Bundestagswahl! Sie haben jetzt ein Programm!

Sebastian Nerz habe ich auch diesmal gesehen, aber wir konnten uns nicht lange unterhalten, da er laufend Interviews geben musste. Er ist jetzt der Stellvertreter von Bernd Schlömer, dem Parteichef. Auch Schlömer hat ein Interview nach dem anderen gegeben, er hat das ganze Wochenende vor dem Pressezentrum im ersten Stock verbracht. Er hatte keine Zeit, um in den Saal zu gehen, wo 2000 Parteimitglieder programmatisch zu sich selbst fanden. Er weiß, dass die Piraten nicht für ihre Inhalte gewählt werden, sondern dafür, dass es sie gibt. Sie dürfen sich nur nicht selbst zerstören, und deswegen will Schlömer jetzt "die Personaldebatten hinter uns lassen", "auf Gesichter setzen" und "kollegial mit Johannes Ponader zusammenarbeiten", seinem umstrittenen Geschäftsführer. So hat Schlömer es auf der Pressekonferenz gesagt. Und in die Kameras gelächelt.

Das Gute an den Piraten ist, dass man mit ihnen schnell ins Gespräch kommt. Sie sind ungefähr gleich alt wie ich, also um die dreißig, antworten schnell auf Twitter-Nachrichten und reden meist offen und persönlich. So wie mir geht es 90 Prozent der Piraten-Berichterstatter, denn wir gehören alle zu einer Alterskohorte, nämlich zu der der Piraten. Das schafft Nähe, aber manchmal überschreitet diese Nähe auch Grenzen.

Ein Kollege hat folgendes Gespräch in einer Bochumer Hotelbar mitgehört: Erster Pirat: "Ich hab heute die Khuê Pham von der ZEIT kennengelernt. Mit der würde ich mich ja gern mal länger über ihre Berichterstattung unterhalten, die hat ja noch nie einen positiven Artikel über die Piraten geschrieben." Zweiter Pirat: "Ist sie eigentlich noch mit dem Franzosen zusammen?"

Als mir der Kollege davon erzählte, musste ich lachen. Und dann schlucken. Woher wissen diese Piraten, wer mein Freund ist? Ich kann es mir nur durch Twitter erklären. Ich schreibe dort manchmal Privates und vor allem Berufliches; ebenso mein Freund, der in Paris lebt, aber Schweizer ist.