Der Skandal um die mangelhaften französischen Brustimplantate ist mein Glücksfall. Ich liefe sonst immer noch mit einer Zeitbombe durchs Leben. Als die Ärzte jetzt meine Brust öffneten, war eines der Silikonkissen nur noch Pampe und ein ständig feuernder Entzündungsherd.

Vor einem Jahr im Dezember schienen mir die aufgebrachten Französinnen und ihre Proteste gegen den Implantat-Skandal noch weit weg zu sein. Im Januar kam dann aber Post von der Hamburger Gesundheitsbehörde, mit persönlichem Anschreiben und der Empfehlung, mich ärztlich »auf mögliche Rissbildung der Implantate untersuchen zu lassen«, um »anschließend über jeweils geeignete Maßnahmen zur Risikominimierung entscheiden zu können«. Durch die leicht reißende Hülle der PIP-Brustimplantate könne Industriesilikon in den Körper gelangen und Lymphkrebs verursachen.

Ein Schock.

Vor zwölf Jahren hatte ich meine in zwei langen Stillzeiten ausgelutschten Brüste mit Implantaten neu aufbauen lassen. Eine Schönheitsoperation, ohne Zweifel. Der psychologische Aspekt eines solchen Eingriffs kümmert die Krankenkassen nicht: »Bei einem kosmetischen Eingriff sind die Kosten von jenen zu zahlen, die die Operation verursachten«, also von den Frauen. Klarer Fall.

Die Krankenkassen übernehmen jetzt immerhin die Kosten für das Entfernen der gesundheitsgefährdenden Implantate. Dieser Eingriff kostet an die 3.000 Euro. Für den erneuten Aufbau der Brust und eine eventuell notwendige Straffung, also das »Versetzen in den alten Zustand«, sollen die Schönheitspatientinnen wiederum in die eigene Tasche greifen und einen vom Gesetzgeber vorgeschriebenen »angemessenen Betrag« beisteuern. Warum auch, fragt Florian Lanz vom Spitzenverband der gesetzlichen Kassen, solle eine Bäckereifachverkäuferin die Schönheitsoperation der Zahnarztgattin mitfinanzieren? Das sei nicht im Sinne des Solidarprinzips.

Aber wir PIP-Trägerinnen sind Opfer krimineller Machenschaften: Um den Gewinn zu erhöhen, verwendete der französische Hersteller Poly Implant Prothèse billiges Industriesilikon. Egal, ob wir eine medizinische Indikation hatten, also nach Entfernen eines Brusttumors ein Implantat bekamen, oder eine kosmetische – das Risiko ist gleich. Mein damaliger Operateur ist heute im Ruhestand und nicht zu erreichen. Den Austausch der Brustpolster kann er nicht mehr vornehmen. So bleibt auch die Frage offen, ob er zu PIP-Implantaten griff, weil sie billiger waren. Ich trage Implantate mit der Nr. 22900, Serie 057. Für deren Einbau hatte ich damals 10.000 D-Mark überwiesen.

Und nun alles noch mal. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erinnert Ärzte und Kliniken am 6. Januar 2012 daran, »Schadensfälle« zu melden. »Wie dringend eine Entnahme im Einzelfall ist, hängt wesentlich davon ab, wie lange die Patientin das Implantat bereits trägt.« Wenig später empfiehlt die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, Silikonkissen »ohne Eile« herauszuholen. – Verunsicherung in allen Medien.

Ich wende mich an Stephan G., in einem Hamburger Klinikum leitender Oberarzt, kompetent und vertrauenswürdig. Er tastet ab, fotografiert, übernimmt meinen Fall als Versicherte einer gesetzlichen Kasse, der DAK, in seine Kartei. Würde ich mich in seinem Krankenhaus einer OP unterziehen, rechnet er vor, beteiligte mich die Krankenkasse an den Kosten der Prothesenexplantation mit 30 bis 50 Prozent: »Operative Maßnahmen, wie eine Bruststraffung oder Prothesen-Neueinlage, werden erfahrungsgemäß nicht übernommen.« Der Preis für eine solche Wahlleistungsoperation beträgt 5.500 Euro plus Mehrwertsteuer.

Eine Summe also wie damals, im Jahr 2000. Die DAK bestätigt das. Nur Frauen mit medizinischer Indikation, beispielsweise einem Brusttumor, müssen für das Entfernen der Implantate und den Neuaufbau nichts bezahlen. Die Mehrheit der PIP-Trägerinnen sind aber Schönheitspatientinnen. Möglicherweise haben sich wegen der hohen Kosten von den 5.000 Frauen in Deutschland bloß 1.000 operieren lassen. Vielleicht laufen ja nicht nur Zahnarztgattinnen mit PIP herum, sondern auch Bäckereifachverkäuferinnen, die lange darauf gespart hatten und diese Summe kein zweites Mal haben.

Im Laufe des Jahres verändert sich das Verhalten der Krankenkassen. Florian Lanz vom Spitzenverband spricht von Ermessenssache, ob oder wie Patientinnen über das Entfernen der Prothesen hinaus unterstützt werden, ob also der Neuaufbau teilweise übernommen wird. Sogar innerhalb einer Kasse gibt es Einzelfallentscheidungen. – Ich gehöre zu jenen PIP-Betroffenen, die den Eingriff aus Kostengründen zunächst verschieben. Jedenfalls bis sich im Sommer Alexander H. meldet, der neue Chefarzt jener Hamburger Privatklinik, in der ich mich damals operieren ließ. Er hält das Entfernen der Brustimplantate ohne Neuaufbau für eine »Verstümmelung der Frau«. Eine solche Deformierung bestrafe die Opfer eines riesigen Betruges noch einmal. Der Arzt macht deshalb Druck bei den Krankenkassen seiner Patientinnen, fordert in meinem Fall die DAK auf, auch die Kosten für neue Implantate und den Wiederaufbau der Brust voll zu übernehmen, weil »die alleinige Entfernung der alten Prothesen unweigerlich zu einem regelwidrigen Körperbild führt, das den Patientinnen nicht zuzumuten ist«.

Zwei Wochen später gibt es eine Kostenzusage der DAK »zum Schutz Ihrer Gesundheit«. Ich trage jetzt zertifizierte Implantate mit lebenslanger Garantie. So ist der Skandal mein Glücksfall geworden – und ein Arzt, der sich bei der Krankenkasse für mich starkgemacht hat.

Andere Frauen sollten dies wissen.

*Den Namen unserer Kollegin haben wir geändert