Er ist ein Quälgeist. Ein nuschelnder, imposanter, eigenwilliger Quälgeist; er verabscheut die "unausstehliche Phrasenhaftigkeit und Heuchelei" – und meint damit Politiker wie Journalisten gleichermaßen. "Die demokratischen Phrasen von heute sind genauso hohl wie die des k.u.k.-Kriegspressebüros", sagte Karl Schwarzenberg in einem Interviewbuch mit der Journalistin Barbara Tóth. Er kennt die Phrasen gut. Man kriegt sie so mit als tschechischer Außenminister.

Er ist Leib gewordene europäische Geschichte; mit einem Namen, der es mitsamt seinen Titeln auf vier Zeilen bringt: Johannes Nepomuk Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, Graf zu Sulz, gefürsteter Landgraf im Kleggau und Herzog von Krumau. Geboren 1937 in Prag, verließ er 1947 die Tschechoslowakei, nachdem seine Familie durch eine eigens geschaffene Lex Schwarzenberg enteignet worden war; aufgewachsen in einem eher verarmten Adelshaus in Österreich, bis ihn sein Onkel Heinrich adoptierte, um das Fortbestehen des Familienvermögens zu garantieren.

Wenn er die Außenminister anderer europäischer Länder trifft, um auf nächtelangen Gipfeltreffen über Budgetfragen oder die EU-Erweiterung zu verhandeln, ist er der Älteste der Runde. "Zweifelsohne gestatte ich mir hier und da, vom diplomatischen Protokoll etwas abzuweichen. Im Alter verfällt man der jüngsten Mode auch nicht mehr so schnell", sagt Schwarzenberg. Manchmal scheint es, als nicke er ein. Er sitzt dann da, die Hände über dem Bauch gefaltet, der Kopf senkt sich und strebt der Fliege entgegen, die er fast immer trägt; ein leises Schnarchen ist zu vernehmen. Und in der nächsten Minute antwortet er blitzschnell auf das, was seine Vorredner so von sich gaben.

Die Tschechen nennen ihn nur: Pan Kniže. Herr Fürst. Oder man ruft ihn: Genosse Fürst, wie ihn Wolf Biermann passend taufte. Denn der Fürst passt in kein Raster, in keine Kategorie, kein links, kein rechts, kein liberal; von solchen Schemata hält er nichts, Relikte aus der Vergangenheit seien das, und auf einen wie ihn passten sie schon gar nicht. Tschechisch und Deutsch sind seine Muttersprachen; seine Eltern haben mit ihm, bevor sie Böhmen verlassen mussten, abwechselnd eine Woche Tschechisch, eine Woche Deutsch gesprochen. Er besitzt einen Schweizer Pass (für den Fall der Fälle) und die tschechische Staatsangehörigkeit; er besitzt Güter in Prag, aber sein Palais steht in Österreich, und sein Deutsch durchzieht ein breiter, behäbiger Wiener Dialekt; er entstammt einem konservativen Adelshaus – und hat seine politische Karriere bei den tschechischen Grünen begonnen. Er hat als junger Mann die Verpflichtungen des Adels angenommen – und kein Studium zu Ende gebracht, weil er die Nächte lieber mit Künstlern und Philosophen in Kneipen und Bars durchbrachte. Er ist fantastisch reich (das Familienvermögen, heute nur noch ein Bruchteil des früheren Besitzes, wird auf 300 Millionen Euro geschätzt) und womöglich gerade deshalb glaubwürdig: Einer wie er muss nichts mehr für sich holen. Einer wie er müsste nicht in die Politik, wenn er nicht wollte.

Ein "Packerl Post" erwarte ihn jeden Tag in seinem "Kammerl"

Genosse Fürst gehört zu den eigenwilligsten Figuren Europas; er liebt die Untertreibung, die, charmant genuschelt, ihre Wirkung nicht verfehlt. Nachdem Václav Havel zum Staatspräsidenten der demokratischen Tschechoslowakei gewählt worden war, ernannte er Schwarzenberg zu seinem Kanzler, der oben auf der Prager Burg, dem Hradschin, seine Geschäfte führen sollte. Es war die Zeit nach der samtenen Revolution von 1989, es herrschte Aufbruch: Der Papst kam zu Besuch nach Prag und der Musiker Frank Zappa; viele Politiker folgten: Margaret Thatcher und Richard von Weizsäcker und George Bush Senior. Und Schwarzenberg? Sagte über seine Arbeit: "Jeden Montag fahr ich nach Prag auf den Hradschin, dort habe ich ein Kammerl, und wie in jeder Amtsstube dieser Welt erwartet mich dort ein Packerl Post."

Sein ganzes Leben prägte die Politik, wie sonst Mutter und Vater ein Kindesleben prägen; erst enteigneten die Nazis die Familie teilweise; dann, als er zehn Jahre alt war, eröffnete ihm seine Mutter, dass sie die Tschechoslowakei verlassen müssten – wieder enteignet. Er war Anfang 20, als die Adoption durch seinen Onkel ihn in die Familienverantwortung zwang. Und er kämpfte immer um Menschenrechte: Traf sich mit den Dissidenten in den verrauchten Kneipen von Prag; wurde Vorsitzender der Helsinki-Föderation für Menschenrechte; unterstützte die tschechische Charta 77, die den Aufbruch einleitete.

Vieles, für das er gekämpft hat, steht jetzt in Europa auf dem Spiel

Und doch war er fast 70, als er Politiker wurde; für die tschechischen Grünen wurde er Senator und später Außenminister; vor drei Jahren hat er seine eigene Partei gegründet, TOP 09, für die er auch mal in rosa überpinselten Panzern warb; und über 80 wird er sein, wenn seine politische Karriere nach seinem Willen endet, weil es – zumindest in Tschechien – nicht höher hinausgeht: Er will Präsident werden. Nach Václav Klaus, der bei jeder denkbaren Gelegenheit gegen Klimaschutz und Europa stänkert, will Schwarzenberg im nächsten Jahr für Tschechiens höchstes Staatsamt kandidieren.