Hier also meinen sie noch landen zu können mit ihren unversteuerten deutschen Steuermillionen. Hier also kommt, vom langen Flug in die Tropen noch etwas zerknittert, ein paar Mal pro Woche ein Erbe, ein Großverdiener oder ein Pensionär an, geht die paar Stufen vom Taxistand in die Banklobby hoch und bittet am sandsteinfarbenen Empfangstresen um einen Termin bei einem Kundenberater.

Ein grün schimmernder Wolkenkratzer im Finanzdistrikt von Singapur. Hoch über der Stadt tritt ein Banker ans Fenster des Sitzungszimmers und blickt in die Tiefe: "Wir wimmeln diese Personen ab, deren Geld wollen wir nicht. Wir wären ja saudumm, wenn wir das zulassen würden." Seinen Namen will der Banker ebenso wenig in der Zeitung lesen wie jenen seines Instituts. Er sagt: "Für ein paar Millionen aus Deutschland setzt niemand sein Geschäft aufs Spiel."

Wer in Singapur Geschäfte machen will, muss nach den Regeln des Staates spielen, sonst fliegt er raus. So einfach ist das. Und weil vieles im tropischen Stadtstaat so einfach ist, fasziniert Singapur. Eine Regierung, die ihr Land wie ein Unternehmen lenkt, der Bürger als Mitarbeiter, der Premierminister als CEO – das gefällt vielen Schweizer Wirtschaftsführern. So träumt etwa der Bankier und konservative Vordenker Konrad Hummler seit Jahren von einer Schweiz als "Mischung aus Hongkong, Singapur und New York".

Singapur reagiert nicht erst auf Druck von außen, es antizipiert Probleme

Und tatsächlich, zwölf Flugstunden von Zürich entfernt lassen sich die drängendsten Zukunftsfragen der Schweiz wie unterm Brennglas studieren. Bis in die siebziger Jahren reisten Delegationen aus Singapur in die Schweiz. Das Vorbild der weltweit gerühmten Singapore Airlines war die alte Swissair, von der Schweizer Armee übernahm der National Service die Wiederholungskurse (WKs), und das helvetische Bankgeheimnis wurde bis in die Artikelnummern kopiert. Heute geht die Reise in die umgekehrte Richtung. Die Bundesräte geben sich im Kleinstaat die Klinke in die Hand. Als letzter reiste Anfang November Johann Schneider-Ammann mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation an.

Dabei geht es immer ums Geschäft. Aber die kleine Schweiz könnte sich vom kleinen Singapur einiges abschauen. Nicht die autoritäre Staatsführung der regierenden People’s Action Party. Sondern die Antworten auf brennende Fragen, die den Bürger im tropischen Stadtstaat gleichermaßen beschäftigen wie Herrn und Frau Schweizer.

Die jüngst eingereichte Volksinitiative des Vereins Ecopop befeuert die Debatte: Wie wollen wir in einer immer enger werdenden Schweiz leben? Die Masseneinwanderungsinitiative der SVP stellt die Wirtschaft vor Probleme: Wie holt man ohne Personenfreizügigkeit die cleversten Köpfe ins Land? Und das gescheiterte Steuerabkommen mit Deutschland lässt selbst Experten ratlos zurück: Wie befreit man den Finanzplatz vom Dauerdruck aus dem Ausland?

In Singapur erhielten Ende September alle Bank-CEOs einen Brief der staatlichen Finanzmarktaufsicht. Von Juni 2013 an, schreiben die Beamten, wird bestraft, wer Gelder entgegennimmt, die aus vorsätzlich begangenen Steuerdelikten in Europa oder den USA stammen. Auch ihre Altlasten müssen die Institute bis dahin überprüft haben.

Die Banker spurten, denn die Singapurer Regulatoren gelten als harte Hunde. So muss nun jeder Kundenberater persönlich für die Herkunft seiner Gelder bürgen, sämtliche Telefongespräche werden aufgezeichnet, und der Staat unterzieht jeden Bankangestellten vor Jobantritt einer Fähigkeitsprüfung. Gemurrt wird nicht, zu lukrativ ist das Geschäft in Fernost. Branchenkenner schätzen, dass zum Beispiel die UBS bereits 200 Milliarden Dollar in Singapur verwaltet, wovon jedoch nur fünf Milliarden aus Europa stammen. Während in Zürich oder den USA Tausende Stellen gestrichen werden, will die Bank ihr Asiengeschäft in den nächsten drei Jahren verdoppeln.

"Die Regierung hier verspricht nichts, was sie nicht halten kann", sagt der Banker im Sitzungszimmer mit Meerblick. Singapur entwirft keine ausgefeilte Weißgeldstrategie, sondern entscheidet pragmatisch: Nachgegeben wird nur, wo Widerstand zwecklos ist – dann aber interveniert der Staat ohne Pardon. Es geht ums Geschäft und den guten Ruf, nicht um Ideologie. Basta.

"Ihren Namen, Ihre Passnummer, Ihre Unterschrift", raunzt der Pförtner in seiner kakifarbenen Uniform. Matthias Richter schüttelt den Kopf, entschuldigt sich für das Ungemach. Vor anderthalb Jahren sind er und seine Frau Martina mit ihrem kleinen Sohn Maxi nach Singapur gezogen. "In Zürich bist du froh, wenn es dein Team am Jahresende noch gibt, hier bauen wir aus", sagt der Kundenberater einer Schweizer Bank. Nun lebt die junge Familie in The Waterina, einer gated community im ehemaligen Rotlichtbezirk Geylang. Die achtstöckigen Wohnblocks sind um einen Innenhof mit zwei Pools, Grillstellen und einem Spielplatz gruppiert. Umgerechnet 2.700 Franken zahlen die Richters für ihre Dreizimmerwohnung im zweiten Stock mit Blick auf eine Hauptstraße – und das in einer Stadt, in der ein Programmierer jährlich 45.000 Franken und ein Taxifahrer knapp 27.000 Franken verdient. "Wir wohnen vergleichsweise günstig hier", sagt Richter. In der Innenstadt sind Monatsmieten von 15.000 Franken keine Seltenheit. Der Immobilienmarkt in Singapur ist eine Goldgrube für Investoren, die Preisentwicklung kennt nur eine Richtung: nach oben. Im Nachbarhaus der Richters wurde eben eine Dreizimmerwohnung für 1,1 Millionen Franken verkauft. Die Mietverträge laufen längstens über zwei Jahre, danach können die Besitzer den Preis beliebig erhöhen. Die Wochenendausgabe der Strait Times quillt über vor Immobilienanzeigen, der Leerstand ist gering, die Nachfrage groß. Auch die drastische Erhöhung der Stempelsteuer auf Immobilienkäufe für Ausländer bremste den Boom nicht. Das Land ist zu reich und zu attraktiv. Nirgendwo sonst leben proportional zur Einwohnerzahl so viele Millionäre wie in Singapur, nämlich 17 Prozent – mehr als in den arabischen Ölstaaten Katar oder Kuwait und fast doppelt so viele wie in der Schweiz.

Der Erfolg aber hat seinen Preis, nicht nur einen politischen. Seit 1965 regiert die Partei des Staatsgründers Lee Kuan Yew die Insel mit strenger Hand. Auch persönlich müssen sich die Singapurer einschränken. Eine Gesellschaft, die auf so engem Raum lebt, muss auf Freiheiten verzichten – um nicht alle Freiheiten zu verlieren. Eine Einsicht, die sich in der immer dichter besiedelten Acht-Millionen-Schweiz noch nicht durchgesetzt hat.

Sichtbar wird diese Selbstbeschränkung auf den mehrspurigen Expressways der Megapolis. Nur zehn Prozent der Singapurer Bevölkerung besitzen einen eigenen Wagen. Auch die Bankerfamilie Richter lebt autofrei. "Ich habe das mal durchgerechnet, es lohnt sich für uns schlicht nicht", sagt Matthias Richter. Denn der Staat belastet Neuwagen mit einer horrenden Sondersteuer, ein Kleinwagen wie der VW Polo kostet deshalb 98.000 Franken. Wer ein eigenes Auto fahren will, muss zudem um eine staatliche, zehn Jahre gültige Autolizenz mitbieten – momentan muss man für diese rund 60.000 Franken ausgeben. Weiter fallen bei jeder Fahrt ins Stadtzentrum Straßengebühren an – dafür ist Singapur vermutlich die einzige staufreie Millionenstadt der Welt.