DIE ZEIT: Professor Mahbubani, die Schweiz hat ein Problem, wir gelten in vielen Teilen der Welt immer mehr als Rosinenpicker.

Kishore Mahbubani: Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich ein Freund der Schweiz bin. In meinen Flitterwochen habe ich eine schöne Zeit in Genf verbracht. Die Schweiz ist ein guter citizen der globalen Gemeinschaft, es ist nichts grundsätzlich falsch am Verhalten der Schweiz. Aber gleichzeitig sage ich, immer als Freund der Schweiz: Die Welt hat sich radikal verändert, und den größten Fehler, den man dann machen kann, ist mit Autopilot weiterzufliegen. Also anzunehmen, dass das, was man in den letzten 500 Jahren gemacht hat, auch weiterhin Sinn macht. Früher lebten wir in einer Welt, in der jedes der 193 Länder wie ein eigenes Boot war. Mit einem eigenen Kapitän, mit einer eigenen Crew. Heute aber leben die sieben Milliarden Menschen nicht mehr in 193 Booten, sondern in 193 Kabinen – auf ein und demselben Boot. Und dies ohne Kapitän oder Crew. Wenn das Schiff kentert, sinken alle Kabinen mit ihm. Auch die Schweiz, auch Singapur.

ZEIT: Was heißt das nun für die Schweiz?

Mahbubani: Sie muss besser verstehen, wie die Welt funktioniert. Eine der Stärken der Schweiz ist ihre Multikultur, aber sie ist nicht multi-zivilisatorisch. Das ist ein großer Vorteil von Singapur. Unser Land liegt in Asien, wir haben das britische System übernommen und leben mit Einflüssen aus der islamischen Welt.

ZEIT: Singapur hat in seiner Außenpolitik seit der Staatsgründung 1965 auf den Multilateralismus gesetzt, die Schweiz hingegen auf bilaterale Beziehungen zu anderen Ländern. Wieso hat sich Singapur für diesen Weg entschieden?

Mahbubani: Die Geschichte lehrt, dass Kleinstaaten immer die Instrumente von Großmächten waren. Was die Kleinstaaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschützt, ist der Aufstieg der UN und des Multilateralismus. Singapur nimmt es sehr ernst, die Regeln der internationalen Ordnung zu befolgen. Als die Sowjetunion damals in Afghanistan einmarschierte, stellte sich Singapur auf den Standpunkt: Das ist nicht akzeptabel. Die Schweiz hingegen verhielt sich ruhig.

ZEIT: Also gibt es in Singapur nicht die Angst, wie wir sie in der Schweiz kennen, man könnte als Kleinstaat in einer großen Organisation untergehen?

Mahbubani: Mit ihrer konservativen Art, nicht in Konflikte reingezogen zu werden, sich nicht in Probleme zu verstricken, lebte die Schweiz jahrhundertelang gut. Aber jetzt leben wir in einer anderen Welt – ob Sie das mögen oder nicht.

ZEIT: Was ist die Rolle der Kleinstaaten in dieser neuen Weltordnung?

Mahbubani: Oh, ich denke, sie haben eine sehr wichtige Rolle. Der größte Fehler wäre es, passiv zu bleiben. Man muss rausgehen und die Regeln mitgestalten, um sicherzugehen, dass sie das eigene Land nicht schädigen. Klar, am Ende des Tages haben die Großmächte das Sagen – man kann die Logik der Geschichte nicht ändern. Aber es ist auch wahr, dass kleine Staaten den Unterschied ausmachen können. Ich selber war während über zehn Jahren Singapurs Botschafter bei der UN in New York. Wenn 193 Länder miteinander diskutieren und dein Argument viel besser ist als jenes der USA oder Chinas, dann werden die anderen sich sagen: "Wieso hören wir nicht darauf, was Singapur sagt?" Wir waren nie so passiv wie die Schweiz, wir waren aktiver und versuchten häufiger die Initiative zu ergreifen.