Die beiden Steine, die Gunter Demnig gerade in der Dahlmannstraße in Berlin verlegt, sind Georg und Lea Ledermann gewidmet. Das Ehepaar wurde 1943 nach Auschwitz deportiert. Demnig, mit breitkrempigem Hut, kniet auf dem Gehweg und setzt die kleinen Messingblöcke in den Boden. Mit einem Hammer klopft er sie fest, dann schüttet er Beton in die Fugen, zieht mit einem Spachtel die Oberfläche glatt und putzt zum Schluss die Messingplatte behutsam mit einem Tuch sauber, sodass die Inschrift gut lesbar ist. "Beim Verlegen hämmere ich mir die Namen der Opfer ein; das ist meine Art des Gedenkens", sagt Demnig.

Es sind Steine, die berühren, wenn man durch die Straßen deutscher Städte läuft. Man liest den Namen, das Geburtsjahr und das Deportationsdatum von Menschen, die gelebt haben, wo nun das Messing im Fußweg glänzt. Auf den Steinen sind die immergleichen Todesorte verzeichnet: die Konzentrationslager, in denen Juden, Roma und Sinti oder Homosexuelle von den Nazis ermordet wurden.

Mit den Steinen schafft Demnig, was all die Mahnmale und Gedenkstätten, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern, nicht vermögen: Sie erinnern an den Orten an sie, an denen die Opfer zu Hause waren. Man stellt sich vor, wie die Menschen gelebt haben, vielleicht in demselben Haus, in derselben Nachbarschaft, in der man selbst wohnt. Wie sie Nachbarn trafen oder einfach nur aus dem Haus ins Büro oder in die Fabrik gingen. Man sieht die Wagen vor sich, aus denen Nazischergen in schwarzen Ledermänteln sprangen, die Männer, Frauen und Kinder mit hastig zusammengepackten Koffern in die Konzentrationslager verfrachteten. Die Zahl der mehr als sechs Millionen Nazi-Opfer bleibt unfassbar, aber was sie bedeutet, das ist beim Anblick dieser kleinen Gedenksteine wenigstens zu erahnen.

An welchen Stellen Gunter Demnig die "Stolpersteine" einklopft, richtet sich danach, wer ihn darum bittet. Es sind Hinterbliebene oder Bürgerinitiativen, die die Steine bei dem 65-Jährigen bestellen. In Archiven finden sie die Adressen und die Deportationsdaten, manchmal sogar einen Todestag. Angehörige, erzählt Demnig, kommen von weit her, um bei der Verlegung eines Steins dabei zu sein, zünden Kerzen an und erzählen, was sie von den Opfern noch wissen.

Demnig, ein Künstler aus Köln, beschäftigt sich seit den achtziger Jahren mit dem Gedenken. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Kassel experimentiert er in Köln, unter anderem zieht er eine Lackspur für die verfolgten Roma und Sinti durch die Stadt. Mit seinen "Stolpersteinen" hat er eine Form gefunden, unmittelbar an die Opfer zu erinnern. Seit 1996 ist Demnig unterwegs. 38000 Steine hat er bisher gesetzt.

Am Anfang stieß er auch auf Ablehnung, aus ideellen und aus verwaltungstechnischen Gründen. Mit den Städten verhandelt Demnig immer neu über die Genehmigungen, um die Steine verlegen zu dürfen. Von Hauseigentümern gab es Beschwerden, weil die Steine den Wert ihrer Immobilien mindern könnten. Auch in jüdischen Gemeinden regte sich Widerspruch: Passanten träten buchstäblich auf den Opfern herum, hieß es. Dabei, so Demnig, habe ihm ein Rabbiner bestätigt, dass diese Art des Gedenkens vom Talmud gedeckt sei. Jeder, der im übertragenen Sinne über einen dieser Steine stolpert, dem das Messing ins Auge fällt, erlebt, wie er sich nach unten beugt, liest und versteht. Sicher, es gibt auch die Verachtung, wie es immer eine Verhöhnung von Opfern gibt: Neonazis, die Steine besprühen oder sie aus dem Boden reißen. Demnig hat das nie angefochten.

Mittlerweile wird er auch aus anderen Ländern Europas beauftragt, dort seine Steine zu verlegen. Demnig macht nichts anderes mehr. "Am Anfang meines künstlerischen Arbeitens war es für mich nicht vorstellbar, dass ich mal so viel unterwegs sein würde. Aber das hier ist mein Lebenswerk."