Zunächst waren es 100, dann bargen die Helfer noch mehr Tote aus den Trümmern der ausgebrannten Fabrik in Bangladesch. Die Leichen wurden zwischen Mopeds und Rikschas behelfsweise auf Dreirädern abtransportiert. Die Männer konnten die weißen Säcke leicht schultern. In den Textilfabriken arbeiten fast nur Frauen. Es sind Frauen wie Parvin.

Parvin ist eine der rund drei Millionen Menschen, die landesweit in der Branche arbeiten – und sie hat Glück gehabt. Sie arbeitet in einer Fabrik am anderen Ende der Stadt. Deshalb ist sie von den Flammen verschont geblieben. Aber Parvin weiß, dass das reiner Zufall ist, dass sich etwas ändern muss in den Fabriken. Und dafür setzt sie sich ein.

Im Mai dieses Jahres hatte sie Besuch aus Deutschland. Als die Reporterin eintritt, steht die zierliche junge Frau auf, stemmt die Hände in die Hüften und kommt sofort zur Sache. "Was haben wir davon, wenn wir deine Fragen beantworten?" Parvin hat sich mit ein paar Näherinnen aus dem Slum von Badda in einem Frauencafé getroffen. Sie knien auf dem Boden – und spielen Mensch ärgere Dich nicht.

Es ist eine besondere Brettspiel-Variante, die sich die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gemeinsam mit drei lokalen Nichtregierungsorganisationen ausgedacht hat. "Nach einem Zehnstundentag sind die Frauen zu müde für trockene Seminare", sagt Projektleiterin Shatil Ara. "Das Spiel ist Herzstück eines Programms, das den Frauen ihre Rechte bewusst machen und zeigen will, dass und wie sie für sich einstehen können."

Parvin ist eine kleine Frau voller Energie. Sie trägt die langen schwarzen Haare hochgesteckt, Stecker in der Nase, klirrende Armreife, so wie die Tradition es will. Sie ist die Anführerin der Truppe und flüstert ihren Mitspielerinnen auch einmal die richtige Antwort zu. Denn beim bengalischen Mensch ärgere Dich nicht entscheidet nicht nur der Würfel, wer weiterkommt, sondern das Wissen um die eigenen Rechte. Es werden Fragekarten gezogen: Wie lange kriegst du frei, wenn du schwanger bist? Was sagt das Arbeitsrecht zu Überstunden?

Wichtige Fragen für Frauen, die es gewohnt sind, für ein, zwei Euro am Tag zu arbeiten, sechs, sieben Tage die Woche 12 bis 14 Stunden. Die rausfliegen, wenn sie einen Tag krank sind oder gar schwanger werden. Für die Überstunden ganz normal sind, feste Verträge hingegen so unüblich wie eine Krankenversicherung. Für deren Chefs Sicherheitsvorkehrungen ein Fremdwort sind.

Das jüngste Unglück reiht sich ein in eine traurige Tradition: Seit 2006 sind bei Bränden in Textilfabriken in Bangladesch schon mehr als 470 Menschen ums Leben gekommen. Die Textilbranche gedeiht trotzdem prächtig, um 40 Prozent ist sie allein im vergangenen Jahr gewachsen. 15,5 Milliarden Euro – 80 Prozent der Exporte – erwirtschaftet sie jährlich, Tendenz steigend. Das Land hat seinen Nachbarn Indien als zweitgrößten Strickwarenexporteur überholt. Es werden die niedrigsten Löhne weltweit gezahlt; die Produktionskosten sind so gering, dass sich Firmen selbst aus China zurückziehen, weil die Arbeiter dort immer öfter für ihre Rechte aufstehen – und teurer werden.