ZEIT: Kannten die Grimms denn keine Märchen aus ihrer eigenen Kindheit?

Rölleke: Kein einziges! Aber Brentano hatte einen Tipp. Er nannte ihnen eine alte Frau, die in Marburg im Elisabethhospiz lebte und angeblich glänzend erzählen konnte. Brentano hatte sie einst selbst besucht, aber nur ein paar Stichworte notiert, mit denen er nichts mehr anzufangen wusste. So machte sich Wilhelm auf den Weg. Doch schon am zweiten Tag schrieb er frustriert: "Das Orakel will nicht sprechen!"

ZEIT: Wie das?

Rölleke: Ich vermute, Wilhelm war zu ungeschickt – Brentano jedenfalls, das ist ja bekannt, konnte besser mit Frauen umgehen... Es kann aber auch sein, dass die Alte sich tatsächlich schämte, wie Wilhelm berichtete. Es war ihr peinlich, vor ihren Mitbewohnerinnen in dem Heim so einen Kinderkram zu erzählen. Auf jeden Fall hatten die Grimms von störrischen alten Damen jetzt erst mal genug.

ZEIT: Und gingen selbst in den hessischen Dörfern auf die Suche?

Rölleke: Auch so eine Legende. Die Grimms waren nie Feldforscher. Sie wandten sich an ihre städtischen Freunde und Bekannten in Kassel. Da waren zum Beispiel die drei Töchter der Familie Wild, die in der Nachbarschaft eine Apotheke betrieb, die waren zwischen 13 und 17 Jahre alt. Und dann gab es da noch die befreundete Familie Hassenpflug mit noch einmal drei Töchtern, die ein klein wenig älter waren. Mit diesen sechs jungen Damen, alle aus bürgerlichen, hochgebildeten Familien, veranstalteten die Grimms nun sonntags nachmittags literarische Kränzchen. Vor allem die Töchter des Regierungspräsidenten von Kassel, die Hassenpflug-Mädchen, erwiesen sich dabei als reiche Quelle. Denn die konnten ihren Perrault gleichsam auswendig...

ZEIT: Die Märchensammlung des französischen Barockdichters Charles Perrault?

Rölleke: Genau, denn die Familie hatte hugenottische Vorfahren. Da die Töchter nun aber in Hessen groß geworden waren, erzählten sie die Geschichten wohl in breitestem Dialekt, und so nahmen die Brüder an, sie hätten es mit "ächt hessischen" Märchen zu tun...

ZEIT: Kannten die Grimms denn Perraults Erzählungen nicht?

Rölleke: Ich bin mir nicht sicher, ob sie seinerzeit noch nicht wussten, woher die Geschichten stammten, oder ob sie es nicht wissen wollten. Sie bekamen da schließlich die absoluten Highlights: Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen...

ZEIT: Fanden sie denn später heraus, dass viele ihrer echt hessischen Märchen eher französisch waren oder auch anderen Ursprungs?

Rölleke: Sie merkten das bald nach Erscheinen der Erstausgabe. Aber da hatten sie auch schon eine neue Gewährsfrau: Dorothea Viehmann , die ihrer Vorstellung von einer Märchenerzählerin perfekt entsprach. Sie war bereits etwas älter und war in einer Gaststätte in der Nähe von Kassel aufgewachsen. Und die Viehmann erzählte nun zum Teil dieselben Stoffe wie die Hassenpflugs, nur mit ein paar Abweichungen. Was also taten die Grimms? Sie tauschten eine ganze Reihe der Hassenpflug-Märchen gegen die Viehmann-Versionen aus. Der Witz daran: Auch die Viehmann hatte hugenottische Wurzeln!

ZEIT: Wussten die Grimms das?

Rölleke: Schwer zu sagen, ob sie sich da zunächst selbst etwas vormachten. Von 1819, von der zweiten Ausgabe der Märchen an aber wussten sie ziemlich sicher Bescheid. Jetzt fingen sie an, einiges aus ihrer Sammlung zu entfernen, was nicht auf deutschem Boden gewachsen ist. Sie verbannten etwa den Gestiefelten Kater und das Blaubart- Märchen. Die anderen "welschen" Geschichten aber haben sie gelassen. Sie waren da alles andere als konsequent. Am Ende kam in die Sammlung, was schön ist, was gefiel.

ZEIT: Warum haben sie dann die Namen ihrer Zuträger nie offengelegt?

Rölleke: Weil sie immer noch glaubten, dass aus den Märchen der "Volksgeist" spreche. Die einzelnen Zuträger hielten sie für unwichtig. So begnügten sie sich mit der Nennung Dorothea Viehmanns als prototypischer Märchenfrau. Insgesamt trugen etwa vierzig Personen den Grimms Märchen zu, fast alles sehr gebildete Leute. Die meisten Geschichten lieferten neben Dorothea Viehmann und Marie Hassenpflug die Adelsfamilien Droste-Hülshoff und Haxthausen aus Westfalen. Letztlich waren die Grimmschen Märchen also weder deutsch noch Volk.

ZEIT: Verschwiegen die Grimms das auch, weil es nicht ins kulturnationale antifranzösische Konzept passte?

Rölleke: Auf jeden Fall ist das eine köstliche Ironie der Geschichte. Da machen sich zwei junge Männer daran, vermeintlich deutsches Kulturgut vor der französischen "Überfremdung" zu retten. Und was fördern sie zutage? Französische Märchen! Blind aber waren die Grimms nicht. Fast alle ihre Werke tragen das Adjektiv "deutsch" im Titel. Deutsche Sagen, das Deutsche Wörterbuch, die Deutsche Grammatik und so weiter. Nur die Märchen nicht. Den Grimms war klar, dass Märchen per se grenzüberschreitend sind. Auch wenn sie das nie offen zugaben.