ZEIT: Politische Not beflügelt den Humor?

Karasek: Natürlich, es gab sehr viele politische Witze in der DDR – sie erschienen natürlich nicht im Eulenspiegel . Allerdings gab es auch Zeiten in Diktaturen, in denen Witze zugelassen wurden. Hermann Göring etwa liebte Witze über sich. Im Gegensatz zu Hitler übrigens. 

ZEIT: Göring hat Witze über sich selbst zugelassen?

Karasek: In jüngeren Jahren schon. Später hörte der Spaß auf. Göring hatte zum Beispiel mal gesagt, er wolle Meier heißen, wenn eine einzige Bombe auf Berlin fallen sollte. Als das passierte, nannte man ihn ständig Meier. Das fand er dann nicht mehr komisch.

ZEIT: Und die DDR-Oberen, konnten die über sich lachen?

Karasek: Nicht so richtig. Auch dafür gibt es einen sinnbildlichen Witz. Willy Brandt ist auf Besuch in Erfurt und sagt zu Honecker : "Ich sammle Witze über mich." Da sagt Honecker: "Das ist der Unterschied. Ich sammle Leute, die Witze über mich erzählen."

ZEIT: Haben Sie verstanden, warum der Papst gegen seine Verunglimpfung im Satiremagazin Titanic vorging?

Karasek: Ja, ich konnte das verstehen. Der Papst hat sich nur sehr milde gewehrt, die Empörung war gesittet. Es sind ja nicht zornige Geistliche in Autokorsos durch Rom gefahren, die Titanic- Redakteure sind nicht geschmort worden wie während der spanischen Inquisition. Im Gegensatz dazu reagiert derzeit der russische Staat sehr empfindlich auf Witze. Plötzlich schützt das Regime in Moskau den orthodoxen Glauben, den es früher noch unterdrückt hat. Das ist eine merkwürdige Kehrtwende. Offensichtlich brauchen staatliche Autoritäten immer ein unangreifbares religiöses Rückgrat, ob das nun Lenin ist oder der liebe Gott.

ZEIT: Im November 1989 veröffentlichte die Titanic ihr längst legendäres Titelbild mit "Zonen-Gaby": Es zeigt eine beglückte Ostdeutsche, die eine Gurke für eine Banane hält. Wie fanden Sie das?

Karasek: Das war eine der genialsten Karikaturen. Ein Highlight des politischen Witzes.

ZEIT: Wenn die Ostdeutschen so gerne über sich lachen – wieso macht dann Titanic bessere Ost-Witze als der Eulenspiegel?

Karasek: Die Titanic hat die Zonen-Gaby aus einem scheinbaren Überlegenheitsgefühl heraus erfunden. Den Westdeutschen fiel der Spott anfangs natürlich leichter als den DDR-Gedemütigten selbst. Von außen lässt es sich einfacher darüber scherzen, dass die Ossis vermeintlich dumm seien.

ZEIT: Können Witze oder Karikaturen trotzdem etwas Vereinendes haben?

Karasek: Es macht sich immer eine Seite über die andere lustig. Männer über Frauen, Frauen über Männer, Untergebene über Übergebene, Offiziere über Soldaten und so weiter. In Witzen werden Herrschafts- und Überlegenheitsverhältnisse gebrochen und gespiegelt. Das kann etwas Vereinendes haben, wenn beide Seiten darüber lachen. Ich glaube, die Zonen-Gaby war für Deutschland eine sehr vereinende Figur, sie hat Ost und West einander näher gebracht.

ZEIT: In den neuen Ländern beliebte Komiker wie Uwe Steimle oder Tom Pauls haben einen sehr eigenen Humor.

Karasek: Oh ja, einen sehr nostalgischen Humor.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass hier harte, politische Witze gut ankommen – und dass andererseits nostalgische Kunstfiguren so erfolgreich sind?

Karasek: Niemand will etwas, das er hinter sich gelassen hat, eines Tages als puren Unsinn oder vertane Zeit abtun. Deswegen verklärt man seine Vergangenheit mit nostalgischen Späßen, oder man macht einen derben, befreienden Witz. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für die Ehe. Niemand möchte bei seiner silbernen Hochzeit sagen: Es war alles umsonst. Entweder also hält man eine übertrieben sentimentale, nostalgische Rede, oder man macht einen ganz groben Scherz.