Willkommen bei den Leuten, von denen es heißt, sie verdienten an Waffen- und Drogenhandel sowie Schutzgelderpressung. All das wirft die Polizei ihnen vor, ohne die ganz großen Coups nachweisen zu können. Für die Berliner Hells Angels ist die Einladung eines Reporters in das Clubhaus im Osten der Stadt ein Experiment – der Versuch, in der Not die Öffentlichkeit vielleicht doch noch für sich zu gewinnen.

Der Reporter soll den wohl einflussreichsten Berliner Rocker treffen, den ehemaligen Chef jenes Hells-Angels-Charters, das verboten worden ist. Ein Interview hat er noch nie gegeben. Er sei gefährlich, sagt die Polizei.

Da kommt er aus einem Hinterzimmer: groß und breit, Jogginghose, der Schädel rasiert, noch keine 30 Jahre alt. Ein Schritt nach vorn, ein fester Händedruck.

"Ah, hallo, wie geht’s?"

Der Mann ist Türke, er heißt Kadir Padir. Er betreibt eine Cocktailkneipe, bis vor Kurzem hatte er mehrere. Er ist das, was man einen bunten Hund nennt – vielleicht sollte man Kampfhund sagen. Sein Vater kam vor Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutschland und fing bei Osram an. Padir hat als Jugendlicher geboxt, erst im Ring, dann auf der Straße. Im Berliner Arbeiterviertel Wedding, wo er aufgewachsen ist, kommen Kinder von Gastarbeitern oft nicht allzu weit. Respekt und Ansehen versprechen Rockerclubs, in denen sich seit je das Proletariat versammelt. Frauen sind als Mitglieder undenkbar, doch für Männer aus Migrantenfamilien haben sich die Clubs geöffnet.

Padir führt den Reporter in einen Sitzungsraum. Der Rocker wirkt ein bisschen nervös, es ist schließlich sein erstes Gespräch mit der Presse. In den Nacken hat sich Padir die Buchstaben "AFFA" tätowieren lassen – die Abkürzung für "Angels Forever, Forever Angels". An der Decke hängt eine Lampengirlande aus Plastik-Totenköpfen. Auf dem Tisch stehen Kekse und H-Milch bereit – "für den Kaffee", sagt Padir. Hier planen die Hells Angels ihre Runs, die Motorradtouren, und sie beschließen, wen sie in ihre Reihen aufnehmen. Illegales dürfte an diesem Tisch kaum diskutiert werden. Ein Staatsanwalt, der nicht genannt werden will, sagt: "So doof sind die nicht. Die wissen, dass wir mitbekommen, was in den Clubhäusern besprochen wird."

Die internen Abläufe bleiben sagenumwoben. Die Legende, wonach ein einziger Boss die 1.000 deutschen Hells Angels führen soll, scheint genauso naiv wie die Behauptung, jedes Charter sei autonom.

Was sagt Padir zu den Vorwürfen, die Hells Angels verdienten an Drogen, Schutzgeld, illegaler Prostitution?

"Das ist Quatsch", er nippt an einer Cola light. Neben ihm sitzt Rudolf Triller, auch "Django" genannt, der Pressesprecher der deutschen Hells Angels, ein angegrauter Mann mit Brille, 58 Jahre alt. Er ist aus Bremen angereist. Auch er schüttelt die Vorwürfe ab. Und was Schlägereien betrifft: "Gewalt gehört zur menschlichen Natur." Deshalb müsse man keine Schauermärchen über die Hells Angels erzählen. Gemeinsam malen Padir und Triller an dem Bild, die Hells Angels seien einfache Jungs, deren größte Freude es ist, sich gegenseitig mit dem Motorrad zu besuchen.

"Immer wenn sich Arbeiterkinder nach oben kämpfen", sagt Triller, "reagiert der Staat mit Repression."

Kadir Padir war um die 20, als er den mit den Hells Angels verfeindeten Bandidos beitrat. Als Bandido-Mitglied wurde er 2008 wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, zuvor saß er fünf Monate in Untersuchungshaft. Er hatte mit einem Kumpanen zwei Hells Angels aufgelauert.

Wie kommt es, dass er als ehemaliger Bandido jetzt bei den Hells Angels ist? Versprach er sich von der Rochade mehr Einfluss? Zu alldem sagt er nichts.

Man weiß, dass Padir im April 2010 nach konspirativen Verhandlungen samt Gefolge von einigen Dutzend Männern zu den Hells Angels gewechselt ist – offenbar nach einem Streit und für die verbleibenden Bandidos überraschend. Auf einmal war er Präsident des neu gegründeten Charters "Berlin City"; an sein ehemaliges Bandido-Clubhaus in Reinickendorf im Westen der Stadt montierte er den roten Angels-Schriftzug. Die Bandidos tobten und attackierten das neue Quartier. Die Boulevardpresse sprach von einem "Rockerkrieg". In den folgenden zwei Jahren fiel sein Charter der Polizei als das gefährlichste auf. Er versammelte vor allem türkisch- und arabischstämmige Männer um sich, von denen viele wie er aus dem Wedding stammen.