Zum bleiernen, spätsowjetisch wirkenden Status quo im Innern kommen jetzt neue Herausforderungen von außen – vor allem der Bürgerkrieg in Syrien, in dem der Iran das Assad-Regime unterstützt. Kein anderes internationales Thema ist für den Iran so wichtig und heikel; das wurde auf einem deutsch-iranischen Sicherheitsdialog deutlich, den die Stiftung Wissenschaft und Politik kürzlich mit Mitgliedern von Thinktanks in Teheran abhielt. Syrien ist für die Iraner ein realpolitisches Problem – und eine moralisch-propagandistische Hypothek. Offiziell tut man alles, um die »bösen« syrischen Revolutionäre von den »guten« in Ägypten oder anderswo in der arabischen Welt abzugrenzen: ihre Gewaltsamkeit, ihre angeblichen Hilfsdienste für ausländische Mächte wie Saudi-Arabien, Katar, die Türkei oder den Westen. Aber die Iraner ahnen, dass Assad am Ende nicht zu halten sein wird und dass sie wahrscheinlich mit hohem Einsatz auf einen Verlierer wetten.

Und zwar auf einen moralisch diskreditierten Verlierer, auf einen Verbündeten, für den man sich im Grunde schämt. Selbst staatsnahe Analytiker in Teheran trauen sich nicht, die Brutalität der syrischen Sicherheitskräfte gegen die eigene Bevölkerung offensiv zu verteidigen. Ein Journalist der englischsprachigen Zeitung Tehran Times stellt gegenüber seinen ausländischen Besuchern offen fest, dass die Regierung in Damaskus ein skrupelloses Regime sei, das seine Legitimität eingebüßt habe; ein Kollege von der Nachrichtenagentur »Mehr« erklärt, dass er auf Assads Sturz hoffe und dafür bete.

Freilich: Dass die syrische Opposition zu den Waffen gegriffen hat, dass aus Demonstranten Rebellen und Kämpfer geworden sind – das findet im Iran nicht nur die Regierung unheimlich. Gewalt ist gerade in der politisch bewussten Mittelschicht ein Tabu. Hier rührt man ans Zentrum der kollektiven Psychologie dieses Landes, an den Grund dafür, dass die Protestbewegung von 2009 gescheitert ist und dass es keine ernsthafte Gefahr für das Regime gibt. Es ist einfach in den vergangenen Jahrzehnten, seit der Revolution von 1979, der Terrorjustiz der neuen Herrscher, dem iranisch-irakischen Krieg in den 1980er Jahren, zu viel Blut geflossen. Das Regime mag müde geworden sein, aber seine Untertanen sind es auch. Bürgertum, Intellektuelle, die Gebildeten, die unter Ahmadinedschads Primitivität und dem Dogmatismus der herrschenden politreligiösen Ideologie leiden, leben trotzdem in dem gemeinsamen Gefühl: Widerstand ist zwecklos.

Besuch im Reich der unerwünschten Bücher

Viele wählen stattdessen das Sich-Entziehen, die äußere oder innere Emigration. Die späte DDR hat man eine Nischengesellschaft genannt; das ist dieser Iran, von dem man nicht genau weiß, wie spät es für ihn schon ist, auch. Azadeh, eine junge Angestellte in einem Wirtschaftsunternehmen, deren Liebe aber eigentlich dem Kino gilt, dreht einen Dokumentarfilm über eine Buchhandlung. Sie kann nicht sagen, ob er je gezeigt werden wird, im Iran bestimmt nicht, vielleicht auf einem internationalen Festival. Aber das ist nicht das Wichtigste, sie will filmen, das vor allem, und der Buchladen ist auch etwas Besonderes.

Azadeh zeigt das Geschäft in der Hauptstraße ihres Quartiers, wo die Buchhandlung ursprünglich ihren Sitz hatte. Der Laden musste ausziehen, weil die Miete unerschwinglich wurde; heute ist da ein Immobilienmakler. Gebaut, gekauft und vermietet, besonders im Luxussegment des Marktes, wird im sanktions- und krisengeschüttelten Teheran immer noch, genauso wie auf den Straßen im reichen Norden der Stadt nach wie vor neue BMW und Mercedes in großer Zahl zu sehen sind. Die Buchhandlung ist jedenfalls umgezogen, weg von der Hauptstraße, in eine ehemalige Wohnung, ohne Schaufenster, und während wir da hingehen, erzählt Azadeh davon, wie der Laden sein Geschäftsprinzip, seinen Charakter verändert und neu erfunden hat.

Er ist jetzt ein Antiquariat – doch keines für schöne alte, sondern für unerwünschte Bücher. Der Besitzer kauft Werke zusammen und handelt mit ihnen, die im Iran früher einmal erschienen sind, aber von denen jetzt keine Neu- und Nachdrucke mehr publiziert werden. Geschichtswerke aus der Zeit des Schah, avantgardistische Poesie, Sozialistisches, unislamische Philosophen. Nicht wirklich verboten, nicht direkt gegen das Regime gerichtet – aber das Gegenteil des Regimes, ein Kontrast- und Alternativprogramm. Der Hausheilige ist der Dichter Sadeq Hedayat, ein literarischer Modernist und intellektueller Pessimist, Übersetzer von Kafka, der 1951 in Paris Selbstmord begangen hat.

Dann sind wir da. Von außen ist nichts zu erkennen, es gibt keine Auslage und kein Schild, man klingelt, und eine Tür öffnet sich, es geht eine Treppe hinauf, die steil und vor lauter Büchern schwer passierbar ist. Oben steht mit künstlerhaft langem Schal der Besitzer und ruft mit lauter Stimme auf Englisch dem Besucher seine Begrüßung entgegen, die Hedonistenparole im Reich der Abstinenz, den Schlachtruf der Nischenbewohner, unpolitisch, aber unbotmäßig: »Willst du ein Glas Rotwein?«