"Die Lesefreude ist gewachsen"

DIE ZEIT: Herr Professor Bos, Ihre neuen Studien sind eine kalte Dusche für die Bildungspolitik . Elf Jahre nach dem Pisa-Schock können die deutschen Grundschüler nicht besser lesen. Trotz der vielen Vorleseinitiativen, trotz Sprachtests für Vierjährige, trotz zahlloser Fördermaßnahmen. Weshalb bewegt sich nichts?

Wilfried Bos: Zunächst einmal dürfen bei aller Kritik die guten Nachrichten nicht untergehen.

ZEIT: Und die wären?

Bos: Die deutschen Grundschüler liegen im internationalen Vergleich mit ihren Leistungen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften weiterhin über dem Durchschnitt der EU- und der OECD-Staaten . Die Kinder mit Migrationshintergrund konnten zudem in Mathematik und den Naturwissenschaften zulegen und den hohen Stand im Lesen halten. Und die beste Nachricht: Die Lesefreude hat zugenommen. Früher lasen 18 Prozent der Grundschüler nie zum Spaß, heute sind es nur noch zehn Prozent. Es tut sich also was.

ZEIT: Aber doch überraschend wenig. Man hätte angesichts all der Diskussionen um die Bedeutung des Lesens einen Sprung nach vorn erwartet. Stattdessen sind wir beim Lesen nach der leichten Steigerung 2006 auf den Stand von 2001 zurückgefallen. Haben die Fördermaßnahmen keine Wirkung gezeigt?

Bos: Das scheint so, aber genau wissen wir es leider nicht.

ZEIT: Wie bitte? Sie testen die deutschen Schüler doch am laufenden Band.

Bos: Gewiss, aber unsere Untersuchungen erheben immer nur den jeweiligen Istzustand, was die Kompetenzen betrifft, etwa im Lesen. Es gibt dagegen kaum Studien über die Wirksamkeit von Fördermaßnahmen. So gibt es in Deutschland mit seinen 16 Bundesländern sage und schreibe 69 verschiedene Sprachförderprogramme – nur zwei davon wurden auf ihre Wirkung hin untersucht.

ZEIT: Wir investieren also viele Millionen Euro in Förderprogramme, die vielleicht gar nichts bewirken?

Bos: So ist es.

ZEIT: Wo bleibt da der Aufschrei der Bildungsforschung?

Bos: Wir Bildungsforscher haben immer wieder auf dieses Versäumnis hingewiesen. Aber diesen Zustand zu ändern ist Aufgabe der Politik.

ZEIT: Welche Versäumnisse beklagen Sie noch?

Bos: Was immer wieder gesagt werden muss: Nach der Grundschule darf der elementare Leseunterricht nicht aufhören. Mehr als zehn Prozent der Schüler lesen so schlecht, dass sie auf einer weiterführenden Schule nicht mitkommen werden. Es muss also in den 5. und 6. Klassen – selbst auf den Gymnasien – weiterhin systematischer Leseunterricht geboten werden. Sonst werden unsere Ergebnisse in den Pisa-Studien, in denen 15-Jährige getestet werden, nicht besser.

ZEIT: Was können wir vom Ausland lernen?

Bos: Lassen wir die Ostasiaten einmal außen vor...

ZEIT: Weshalb?

Bos: In der konfuzianischen Tradition ist der Gedanke tief verankert, dass den Weg zum Aufstieg nur die Bildung öffnet. Wer etwa in China hoher Beamter werden wollte, musste eine schwierige Staatsprüfung ablegen, da wurde der Adel nicht bevorzugt. Das war schon vor 2.000 Jahren so. Bei uns ist der Gedanke des Aufstiegs durch Bildung erst rund 150 Jahre alt.

"Da sehe ich die Politik schon in der Bringschuld"

ZEIT: Was können wir denn von Ländern lernen, mit denen wir uns kulturell vergleichen können?

Bos: Von England etwa können wir uns eine funktionierende Schulinspektion abgucken, die die Schulen auf ihre Leistungsfähigkeit überprüft und, wenn es sein muss, Änderungen durchsetzt.

ZEIT: Schulinspektionen haben fast alle unserer Bundesländer inzwischen auch.

Bos: Aber die sind zahnlos, und sie sind untergeordnete Dienststellen der Kultusministerien . In England ist der »Schulinspektor Seiner Majestät«, wie der offizielle Titel lautet, unabhängig von politischen Weisungen, und er kann drakonische Mittel anwenden.

ZEIT: Zum Beispiel?

Bos: Bei Schulen, die ihre Schüler nicht zu angemessenen Leistungen führen, kann er den Schulleiter auswechseln. Diese Maßnahme bringt oft schon eine deutliche Verbesserung.

ZEIT: Wollen Sie damit indirekt den Schulleitern die Schuld an schlechten Schülerleistungen geben?

Bos: Wir wissen, dass Schulleitungen einen großen Einfluss auf die Qualität einer Schule haben. Zumindest kann eine neue Schulleiterin Bewegung in eine verfahrene Situation bringen.

ZEIT: Und wenn das nicht hilft?

Bos: Dann kann der Schulinspektor in England Schulen oder sogar Bildungsbehörden schließen. Aber es geht nicht um Strafen. Er kann auch Unterstützungsprogramme anordnen, also der Schule mit Beratern und zusätzlichen Lehrkräften helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

ZEIT: Was macht uns das Ausland noch vor?

Bos: In den Niederlanden etwa lassen 80 Prozent der Grundschulen, und zwar freiwillig!, ihre Schüler zweimal jährlich von einem Testinstitut – für Experten: dem Cito – testen. Damit kennen sie genau den Leistungsstand ihrer Zöglinge und können die Guten wie die Schwachen gezielt fördern.

ZEIT: Bei uns schreiben die Drittklässler doch auch genormte Vergleichsarbeiten, Vera genannt.

Bos: Das ist natürlich recht spät, um noch eingreifen zu können. Zudem wissen die meisten Lehrer hierzulande nicht, wie man Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten nutzt, um Schüler gezielt zu fördern.

ZEIT: Aber beides gibt es doch schon seit Jahren.

Bos: Sie wissen es dennoch nicht.

ZEIT: Kann man von den Lehrern nicht erwarten, dass sie sich das notwendige Wissen selbst aneignen?

Bos: Die Lehrerinnen und Lehrer haben genug damit zu tun, den Unterricht vorzubereiten, sich um die Kinder und Eltern zu kümmern. Da sehe ich die Politik schon in der Bringschuld. Wenn eine Versicherung eine neue Police auf den Markt bringt, dann überlässt sie es auch nicht den Versicherungsvertretern, sich selbst kundig zu machen, sondern sie ruft sie zu Veranstaltungen und Schulungen zusammen, um das neue Produkt zu erklären. Im Schulwesen hingegen werden laufend Reformen beschlossen, aber es gibt keinen Mechanismus, sie planmäßig in den Schulalltag zu tragen.

ZEIT: Lehrer fordern immer wieder, die Klassen zu verkleinern, um die Schüler besser zu fördern.

Bos: Das ist leider die teuerste und wirkungsloseste Maßnahme.

ZEIT: Weshalb?

Bos: Das zeigen wirklich viele Untersuchungen, unsere jetzige Iglu-Lesestudie inklusive. Die Klassengröße wirkt sich positiv auf die Schülerleistungen erst bei unter 16 Schülern pro Klasse aus, und negative Effekte messen wir ab 35 Schülern pro Klasse. Ob nun 20 oder 28 Schüler in einer Klasse sitzen, macht keinen Unterschied. Aber die Verkleinerung der Klassenfrequenzen ist wahnsinnig teuer.

ZEIT: Wie teuer?

Bos: Ich habe das einmal für Nordrhein-Westfalen ausgerechnet. Wenn man dort die Klassenfrequenz etwa von 26 auf 24 Schüler senkte, dann kostete das 600 Millionen Euro pro Jahr!

"Ohne eine finanzielle Umverteilung wird das nicht zu leisten sein."

ZEIT: Wofür würden Sie das Geld stattdessen ausgeben?

Bos: Man könnte, und Länder wie die Niederlande zeigen das, die Klassenfrequenzen moderat erhöhen und stattdessen mehr Speziallehrkräfte bezahlen, die die Schüler gezielt fördern.

ZEIT: Wie könnte das aussehen?

Bos: Der Klassenlehrer etwa macht den normalen Unterricht. Die zusätzliche Lehrkraft, die mehrere Klassen betreut, holt mal die fünf schwächsten Schüler zusammen, um sie speziell zu fördern, oder auch die fünf besten, denen sie anspruchsvollere Aufgaben stellt. Für die Lehrer wäre dies eine Entlastung. Es gibt kaum ein anderes Land, das Lehrern so wenige Unterstützungskräfte gewährt wie Deutschland . Aber ich kann hier nur Ratschläge geben, als Wissenschaftler habe ich kein politisches Mandat.

ZEIT: Gibt es auch wirksame Methoden, die jeder Lehrer einsetzen kann, um das Lesen zu verbessern?

Bos: Gute Resultate bringen etwa sogenannte Lesetandems. Dabei lesen ein schwächerer und ein stärkerer Schüler zusammen einen Text gemeinsam laut vor, bis der Schwächere sich sicher genug fühlt, allein weiterzulesen. Das bringt messbare Fortschritte. Ebenso die Arbeit von ehrenamtlichen Lesepaten, die Kindern vorlesen oder sich von ihnen etwas vorlesen lassen.

ZEIT: Sie haben früher moniert, dass die soziale Schieflage in unserem Bildungssystem nicht behoben ist. Bleiben Sie dabei?

Bos: Ja, auch hier gibt es leider keinen Fortschritt. Noch immer hat ein Akademikerkind – bei gleicher Intelligenz und gleichen Leistungen – eine 3,4-mal größere Chance, aufs Gymnasium zu wechseln, als ein Arbeiterkind. Das ist nicht nur ungerecht, sondern wir verschwenden hier geistige Ressourcen, die wir schon heute dringend brauchen.

ZEIT: Haben wir nicht eh schon genug Akademiker? In Großstädten studiert bald jeder zweite Schulabgänger .

Bos: Es könnten noch mehr sein. Das zeigt nicht nur das Ausland. Nach unserer Studie bekommt vom besten Drittel der Grundschüler wiederum jeder Dritte keine Gymnasialempfehlung. Das sind vorwiegend Kinder aus sozial schwächeren Schichten, die intellektuell dem Gymnasium durchaus gewachsen wären.

ZEIT: Warum behandeln die Grundschullehrer denn die Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern so ungerecht?

Bos: Die Lehrer sind nicht schuld daran. In ihrer Prognose berücksichtigen sie nicht nur die Leistung der Schüler, sondern auch das Umfeld. Ein Arbeiterkind hat nicht unbedingt die nötige Unterstützung in der Familie oder in der Schule, die es braucht, um am Gymnasium zu bestehen. Da entscheiden die Lehrer ganz rational.

ZEIT: Wie könnte man den Übergang gerechter gestalten?

Bos: Wichtig wäre es zum Beispiel, mehr Ganztagsgymnasien einzurichten, die ihre Schüler besser betreuen. Oder Gymnasien, die sich ganz gezielt die Förderung sozial schwächerer Schüler auf die Fahne schreiben.

ZEIT:Ganztagsschulen führen aber erstaunlicherweise ihre Schüler nicht zu besseren Leistungen.

Bos: Das ist deswegen nicht erstaunlich, weil es dort bislang kein zusätzliches Lernangebot gibt. Man hat Milliarden investiert, um Mensagebäude einzurichten, aber kaum einen Cent in zusätzlichen Unterricht oder sinnvolle Ganztagsschulkonzepte. Wir müssen endlich lernen, dass die Qualität der Schulen über den Lernerfolg entscheidet, nicht die Zeit, die jemand in einer Einrichtung verbringt.

ZEIT: Das kostet zusätzlich Geld.

Bos: Man muss klar sehen: Ohne eine finanzielle Umverteilung wird das nicht zu leisten sein. Deutschland investiert zu wenig in die Kindergärten und Grundschulen. Dort also, wo die Basis gelegt wird. Stattdessen geben wir im Vergleich viel Geld für die Oberstufe und die Universitäten aus – wo die Nutznießer vorwiegend aus sozial gut gestellten Familien stammen. Deshalb finde ich es falsch, dass Studiengebühren jetzt überall abgeschafft werden. Ich habe es nie begriffen, dass der Student aus gutem Hause kostenlos studiert und der Taxifahrer, der ihn zur Uni fährt, Kindergartengebühren zahlen muss.

Die Fragen stellten Thomas Kerstan und Martin Spiewak