Es ist noch gar nicht lange her, da war in England Sommer, und die Berichte zur heimischen Konjunkturentwicklung lasen sich wie Berichte von Siegesparaden. Das hatte wohl auch mit der Begeisterung über die großartig gelungenen Olympischen Spiele zu tun, aber vor allen Dingen war es der britischen Wirtschaft endlich gelungen, einen Weg aus der zweiten Rezession seit dem Finanzkrach 2008 zu finden.

Zum Jahresende hat sich die Lage schon wieder zum Schlechteren verändert. Die Industrieproduktion ist auf den niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren gefallen, der Ausstoß von Nordseeöl und Gas war im letzten Quartal nur noch halb so groß wie 2009. »Großbritannien wird 2012 erneut mit negativem Wachstum abschließen«, sagte ganz trocken Robert Chote, der Vorsitzende der britischen Wirtschaftsweisen. Kämpferisch blickte Danny Alexander, der zweite Mann im Schatzkanzleramt, in die Zukunft: »Der Krieg gegen die Rezession geht weiter.«

Und sein Chef, der Finanzminister George Osborne, breitete in der vergangenen Woche die düsteren Details vor dem Unterhaus aus. Für das laufende Jahr werde er unterm Strich abermals negatives Wachstum verbuchen müssen, und falls es 2013 wieder bergauf gehen sollte, dann allenfalls mit knapp über einem Prozent. Robert Chote und seine Expertenrunde haben ausgerechnet, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) frühestens Ende 2014 wieder den Stand erreichen werde, auf dem es vor der Krise lag.

Das hat allerlei üble Konsequenzen, zum Beispiel für die Staatsfinanzen. Finanzminister Osborne hatte 2010 noch versprochen, das hohe britische Defizit abzubauen, nämlich von 11 Prozent des BIP auf drei Prozent bis 2014. Damals hatte die konservativ-liberale Koalition frisch die Regierung übernommen. Jetzt aber sieht es so aus, dass die Schulden bis 2017 noch weiter steigen werden: Von derzeit gut acht Prozent des BIP werden sie voraussichtlich wieder auf über neun Prozent klettern. Rating-Agenturen drohen Großbritannien schon mit einer Abwertung.

Die Gründe für die miserable Lage sind vielfältig. Die EU ist Großbritanniens wichtigster Exportmarkt, aber wegen der Staatsschuldenkrise kann sie auf absehbare Zeit kein Alliierter für Wachstumshilfe sein. Um die aufstrebenden Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien und China hat die britische Wirtschaft sich bisher nicht sonderlich bemüht.

Eines der größten Probleme der britischen Wirtschaft aber ist hausgemacht: Es sind die Dauerprobleme mit den heimischen Banken, die mit sich selbst beschäftigt sind, statt die Wirtschaft mit frischem Geld zu versorgen. Seit dem Zusammenbruch des Systems wird in der City of London aufgeräumt, und das kostet viel Geld. Anfang der Woche einigte sich HSBC mit den amerikanischen Aufsichtsbehörden darauf, 1,9 Milliarden Dollar Strafe zu zahlen. Die Bank konnte jahrelang von mexikanischen Drogenhändlern für ihre Geldwäsche benutzt werden – aus Nachlässigkeit bei der Bank. Standard Chartered machte sich angeblich ähnlicher Vergehen schuldig und bezahlte 340 Millionen Dollar Bußgeld. Für den Skandal um die Manipulation des Libor-Zinses hat Barclays bereits 290 Millionen Pfund Strafe gezahlt, und der Royal Bank of Scotland wird dieser Betrug wohl noch teurer zu stehen kommen.

Schließlich haben die sechs größten britischen Banken sich darauf eingelassen, ihren Kunden insgesamt 10 Milliarden Pfund Entschädigung zu zahlen, weil sie ihnen jahrelang Ausfallversicherungen untergejubelt haben, die diese gar nicht haben wollten. Abschreibungen in solchen Dimensionen bedeuten freilich, dass die Banken als Aufschwungmotor ausfallen, denn sie vergeben keine Kredite. Vor allem dann nicht, wenn sie gleichzeitig ihre Kapitaldecke erhöhen müssen.

George Osborne erinnert die Banken jetzt zwar immer wieder an ihre makroökonomische Verantwortung. Das wird aber nichts daran ändern, dass die Folgen der Bankenexzesse vor 2008 die britische Wirtschaft beinahe ein Jahrzehnt verlorenes Wachstum kosten werden.